Elsbeth Schütze

  ©2012

 

                                                                 Ein Strauß Geißfuß

Marianne

beobachtete gern Menschen. Von weitem.

Das heißt, am liebsten beobachtete sie, was sich auf dem Marktplatz vor ihrem Fenster abspielte. Dabei ließ sie ihrer Fantasie freien Raum, hauchte den Statisten Leben ein. Ihrer Haushaltshilfe, die zweimal in der Woche kam, konnte sie die Personen so genau beschreiben, dass diese oft erriet, wer sie waren.

„Sie beschreiben ja meine Schwester, auch, wie Sie sie charakterisieren, genau meine Schwester!“ rief sie eines Tages aus.

„Ihre Schwester?“ Marianne war verblüfft.

„Ja, sie kommt nicht so oft in die Stadt, sie liebt das offene Land. Aber wenn sie kommt, trinken wir bei mir Kaffee.“

Marianne dachte scharf nach. „Es war letzten Mittwoch und eine Stunde, bevor ich ihre Schwester sah, sah ich Sie, Hagar. Sie holten Kuchen beim Bäcker“, gespannt wartete Marianne, ob sie Recht hatte.

„Oh je, stimmt. Was für ein scheußlicher Tag. Mein Backofen gab den Geist auf, deshalb kaufte ich Kuchen.“ Verblüfft hielt sie inne. „Sie kennen meine Schwester doch gar nicht, aber Sie beschreiben sie, als wenn Sie sie kennen würden.“ Hagar schüttelt den Kopf. „Oder kennen Sie meine Schwester doch“?

Marianne lachte, was bei ihr selten vorkam. „Sie wissen doch um meine Beobachtungsgabe. In der nächsten Ausgabe des „Goldenen Zeitalters“ werden Sie die Beschreibung Ihrer Schwester wiederfinden. Morgen habe ich Abgabetermin.“

„Und ich“, seufzte Mariannes Perle, „putze heute Ihr Schlafzimmer gründlich. Der neue Backofen zahlt sich nicht von selbst.“

Wie jeden Tag, wenn sie sich gut fühlte, saß Marianne zwischen zwölf und vierzehn Uhr am kleinen Fenster ihres Wohnzimmers. Die Fenster des Hauses waren sehr niedrig und beim Fensterputzen musste man sich nicht strecken und recken, nein, man musste sich bücken. Sie hätte gern den Architekten des Hauses kennengelernt. Aber für ihre Bedürfnisse war es ideal. Sie hatte im Sessel sitzend einen herrlichen Blick auf den Marktplatz. In ihren Gedanken war es jetzt immer ihr Marktplatz.

Trotz der niedrigen Fenster konnte sie den Himmel sehen. Er war heute tief blau und die strahlende Sonne ließ die Häuserfassaden erstrahlen.

Mit Recht konnte sie behaupten, sie wohne im schönsten Fachwerkhaus am Platz. Der Marktplatz hatte sich in den letzten 30 Jahren sehr verändert. Er war schon immer Mittelpunkt der kleinen Stadt gewesen. Zweimal in der Woche war Markt und das seit 350 Jahren, das war sogar urkundlich belegt. Marianne hatte lange im Stadtarchiv gesessen und uralte Dokumente gewälzt. Die kleine Stadt und ihre Geschehnisse würden sich gut in eine Geschichte einarbeiten lassen. Sie hatte das Angebot einer großen Zeitschrift bekommen, zehn abgeschlossene, aber doch zusammenhängende Kurzgeschichten abzuliefern. Mit wie vielen Anschlägen eigentlich - hach, wenn ich mir das doch mal merken könnte! Sie zuckte mit den Schultern. Im Vertrag würde es stehen.Das Angebot reizte sie. Heute noch musste die E-Mail mit der verbindlichen Zusage raus .

Im Stadtarchiv war sie auf ihre eigene Vergangenheit und dem wunderlichen Geheimnis gestoßen, dessen Rätsel sie schon ein halbes Leben verfolgte. Lange Zeit konnte sie nicht glauben, was sie da las.

Jetzt gehörte ihr das wunderschöne, schmale kleine Fachwerkhaus wirklich, ihr ganz allein. Der Notar hatte also Recht! Sie hatte den armen Mann in schiere Verzweiflung getrieben, weil sie nicht begreifen konnte, was er ihr vorlas und was doch aktenkundig war. Schon als Kind, wenn sie quer über den Marktplatz zur Schule ging, hatte sie davon geträumt, dieses Haus zu besitzen. Der Kindertraum eines schüchternen und einsamen Kindes. Ganz besonders gefielen ihr schon als Kind, die Markttage. Wie oft hatte sie sich gewünscht, die Mutter würde am Blumenstand sitzen und könnte den betörenden Duft der Wildblumen  einatmen, sich an den bunten Farben erfreuen. Dann hätte sie nicht die schmutzige Wäsche anderer Leute waschen müssen. Ihre Mutter kannte alle Wildblumen mit Namen und zeigte Marianne auf ihren Spaziergängen am Sonntagnachmittag all die bunten, oft kleinen Wunder der Natur. Sie konnte herrliche Sträuße aus Geißfuß, Mohnblumen und Kornblumen binden. Oft duftete das Zimmer auch nach blühendem Zierlauch und Schnittlauch.

Marianne träumte ihre Mutter in das Haus, in dem sie jetzt wohnte. Sie sah förmlich, wie ihre Mutter dicke Betten ausschüttelte und sie dann zum Lüften über das Fensterbrett hängte. Der Strauß von Grasnelken und Arnika, gemischt mit duftendem Estragon und einem Stängel Wermut, der auf der Anrichte stand, hätte ihr gefallen. Was wäre das für ein Leben gewesen, in diesem Haus aufzuwachsen. Aber… es hatte nicht sein sollen.

Der Marktplatz gefiel ihr genau so gut wie die Lage ihres neu sanierten Hauses. Der Marktplatz hatte von Generation zu Generation Veränderungen, Sanierungen, Sinn und Unsinn der Stadtpolitik über sich ergehen lassen müssen. Aber es gab immer noch das Kopfsteinpflaster, den Brunnen mit seinen schmiedeeisernen, wunderschönen Girlanden und es gab noch den alten Lindenbaum. Gab es außer diesem wunderschönen Lindenbaum, der der Kleinstadt ihren Namen gegeben hatte, eigentlich noch weitere in der Umgebung?

Ihre Gedanken schweiften zurück.

Vor einigen Jahren wollten die Stadtpolitiker den Lindenbaum fällen. Wegen des vielen Laubes, wenn es geregnet hatte, konnte man auf dem nassen Laub schon mal ins Rutschen kommen. Deshalb war die Stadt gezwungen, öfter zu kehren und das ging ins Geld. Also Sparmaßnamen - das würden die Bürger schlucken. Kein Baum, kein Laub im Herbst. Also gespart. Das Thema wurde bei der nächsten Sitzung des Stadtrates angeschnitten, die Abstimmung lief unter „Verschiedenes“. Das war immer der letzte Punkt in der Versammlung, wenn alle schon müde waren und nach Hause oder zu ihrem Bier in die Linde wollten. Am Stammtisch in der Linde ging es jedes Mal nach einer Gemeinderats-sitzung hoch her.

Ein paar Tische weiter hatte ein Fremder gesessen. Das war nichts Besonderes, die Kleinstadt lebte vom Fremdenverkehr. Dieser Fremde hatte die jeweiligen Gespräche mitbekommen. Und wusste nun endlich, über was er schreiben konnte.

Er war in erster Linie Umwelt- und Tierschützer, sein Geld aber verdiente er als freier Reporter. Seit sechs Wochen reiste er bereits durchs Land und wunderte sich, wie die Menschen mit der Natur und den Tieren umgingen. Immer wieder fiel ihm der Wahlslogan einer damals in den 70er Jahren noch jungen Partei ein. `Wir gehen mit dieser Welt um, als hätten wir noch eine zweite im Rucksack.`

Nach einer Weile trank er sein Bier aus. Er hatte den Artikel im Kopf. den er nun gleich schriftlich festhalten und per E-Mail in die Reaktion senden musste. Überschrift „Die letzte Linde in Lindental soll geopfert werden, weil sie im Herbst das Laub abwirft.“

Der Artikel erschien und schlug ein wie eine Bombe. Und nun protestierten auch Einwohner und Besucher, versammelten sich um die Linde und riefen „Linde tot, Menschen tot, Linde tot, Menschen tot.“ Der Bürgermeister hatte vor Wut gekocht, aber es blieb ihm nichts anderes übrig, als den aufgebrachten Bürgern zu versichern, dass das alles ein Missverständnis sei und der Baum selbstverständlich nicht gefällt werden würde.

Wieder in der Gegenwart, überlegte Marianne weiter, welche Geschichten sie schreiben könnte. Wie wäre es z.B. mit denen ihrer Kindheit und Jugend und der Geschichte ihrer Mutter? Sie wusste mittlerweile, dass sie das Kind einer großen, wenn auch tragischen Liebe war.

Oder wenn sie die Geschichten, die das Leben ihrer Mitschüler beschrieb, als Mittelpunkt nähme? Schließlich könnte sich jeder dort irgendwie finden. Denn es war ja auch immer irgendwie ihre Geschichte. Und wie einst Aschenputtel würde sie im Ansehen der Bürger steigen. Aus dem armen, schüchternen, kranken und vaterlosen, kleinen Mädchen war immerhin nach Jahrzehnten eine selbstbewusste, reiche Frau geworden, die endlich begriffen hatte, das die Liebe oft seltsame und verschlungene Wege geht. Sie hatte schon immer gewusst, dass sie sich eines Tages der Vergangenheit stellen musste. Und jetzt schien es an der Zeit. Als Schriftstellerin wusste sie Tatsachen so zu umschreiben, dass es den Lesern gehen würde wie ihrer treuen Seele Hagar. Hagar war nicht nur ihre Haushaltshilfe, sondern auch eine ihrer wichtigsten „Testpersonen“, wenn es darum ging, jemanden zu beschreiben. Wie zum Beispiel Doris.

Doris

Direkt unter dem Wohnzimmerfenster von Marianne baute Doris zweimal die Woche ihren Blumenstand auf. Hübsch war sie geworden, die Doris. Marianne lernte auch Doris Familie kennen - zumindest von ihrem Fenster aus. Sie hatte zwei Buben. Stattliche Männer würden das werden, wenn sie ihrem Vater nachschlugen, der am Markttag morgens seiner Frau half, bis alle Sträuße und Blumen mit Wasser versorgt waren und auf den Biertischen hellblaue Tischtücher lagen. Die Kinder halfen ebenfalls mit, bevor sie sich ihre Schulranzen schnappten, um in die Schule zu gehen. Marianne beobachtete, dass Doris eine feine Gabe hatte, Männer und Frauen auf ihre Ware anzusprechen. Sie musste nie lange auf die ersten Käufer warten. Aus ihr war wirklich eine richtig gute Verkäuferin geworden. Es war ein Augenschmaus, wie sie ihre Ware feil bot. Sie kleidete sich auch gut. Drei verschiedene Dirndl hatte sie, die sie wechselweise trug: ein blaues, ein rotes und ein grünes. Ihre langen, dunklen Ringellocken hatte sie kunstvoll hochgesteckt. Sie war ein bisschen fülliger geworden, aber das passte zu ihr. Soweit Marianne vom Fenster aus beobachten konnte, war sie dezent geschminkt und hatte eine glatte, leicht gebräunte Haut.

Es dauerte eine Weile, bis sie Hannes erkannte.

Hannes, der eine Klasse über ihnen gewesen und der Schwarm der halben achten Klasse war. So, so, Doris hatte sich also den Hannes geangelt. Nicht schlecht. Er hatte sich zu einem stattlichen Mann gemausert – groß, muskulös, blond, die Haare ein bisschen zu lang, aber er sah wirklich richtig gut aus. Er wirkte gutmütig, ging liebevoll mit seinen zwei Jungen um.

Die andere Hälfte der Klasse schwärmte damals für Klaus, den besten Freund von Hannes. Aber Klaus war ums Leben gekommen, hinterließ eine Frau und zwei Kinder. Wer die Frau von Klaus geworden war, hatte Marianne noch nicht in Erfahrung bringen können, auch über die Kinder wusste sie noch nichts. Aber auch das würde sie noch herausfinden. Sie würde nachher Hagar bei einer Tasse Kaffee danach fragen. Und sie würde ihr einen Schein extra geben für den Backofen. Hagar hatte bisher noch nicht bemerkt, dass Marianne deren Informationen in bares Geld umsetzte, aber ein schlechtes Gewissen hatte Marianne deshalb nicht. Schließlich hatte Hagar eine gute, sichere Stelle und wurde gut bezahlt. Hatte die Tochter von Hagar nicht....

Große, bunte Sonnenschirme hätten normalerweise teilweise die Sicht auf das Geschehen versperrt, aber dank der tiefen Fenster hatte Marianne gute Sicht, ohne selbst bemerkt zu werden. Doris hätte auch gar keine Zeit gehabt, die Fassade des Hauses hinter ihr zu mustern. Überhaupt hatte diese freundliche Marktfrau wenig mit der Doris gemein, die Marianne in ihrem Kopf hatte.

Doris und Klaus also. So unangenehm die Erinnerungen an die Mädchen ihrer Kindertage waren, so nichtssagend waren die Erinnerungen an die Jungen. Marianne war fest davon überzeugt, dass sie gar nicht mitbekommen hatten, was sich auf dem Heimweg von der Schule zwischen Schulhaus und den Wohnhäusern der Kinder abspielte.

Der Notizblock, der auf einem kleinen Biedermeiertischchen lag, füllte sich mit  Notizen. Marianne konzentrierte sich noch einmal auf den Marktplatz. Die Häuser rundherum hatten sich entgegen der Pflastersteine stark verändert. Es gab schöne Läden mit bunten Auslagen, gegenüber war ein Bistro. In der Mitte des Marktplatzes stand ein wunderschöner Brunnen, gleich neben dem Lindenbaum. Die schmiedeeisernen Figuren, die ihn schmückten, waren weit über die Kleinstadt hinaus bekannt. Im Sommer fanden dort immer die Wasserschlachten nach der Schule statt, heute wie früher. Und einmal wäre Marianne in ihm beinahe ertrunken. Falsch, dachte sie, man ertrinkt nicht, wenn einem der Kopf unter Wasser gehalten wird. Man erstickt. Sie hatte Sekunden lang gedacht, sie stürbe. Dann wurde sie losgelassen. Als sie wieder Luft bekam, das Wasser aus Augen und Gesicht gerieben hatte, ließ sie sich am Brunnenrand hinuntergleiten und saß zitternd, nass und weinend da. Als sie aufsah, war sie allein. Der Marktplatz war wie ausgestorben. Die Geschäfte rundherum gab es damals noch nicht.

Sie wusste noch genau, wer bei der Wasserschlacht dabei war. Aber warum hatten die anderen Kinder es geduldet? Was war der Auslöser, weshalb suchten sich die Kinder zu ihren groben Späßen Marianne aus? Lag es an ihrem verkürzten Bein? An ihrer Vaterlosigkeit oder an der Mutter, die die ganze Woche bei einigen Müttern der Klassenkameradinnen die Wäsche wusch, die Wohnungen säuberte und aufräumte?

Besonders schlimm war es für die damals zwölfjährige Marianne, wenn die Mutter Kleider für sie mitbrachte. Abgetragene, aussortierte Kleidung. Kleidung, die ihre Mitschüler erkannten.

„Schau mal, ist der Rock nicht nett“, konnte die Mutter lächelnd fragen. „Von wem?“ fragte Marianne achselzuckend zurück. „Die Mutter von Gisela hat ihn mir gegeben, sie geht nicht mehr zur Schule. Schau, und eine farblich passende Bluse ist auch dabei.“ Marianne überlegte. Gisela hatte keine jüngeren Geschwister. Also keine Gefahr, wenn sie die Sachen trug. Ihrer Mutter zuliebe zeigte sie mehr Freude, als sie wirklich empfand. „Ich werde sie am Sonntag zur Kirche und zum Spazieren gehen anziehen. Die Sachen sind hübsch. – Danke.“ 

Margit und Margret

Das Bistro gegenüber Mariannes Haus wurde von M&M geführt. M&M waren die Anfangsbuchstaben von Margret und Margit, sie waren Zwillinge. Früher hatte sie niemand auseinander halten können. Sie waren immer gleich angezogen, die Lehrer hatten ihre liebe Not mit den Beiden gehabt. Ab der dritten Klasse wurden sie in zwei verschiedene Klassen gesteckt. Aber auch das half nicht viel. Aber als sie älter wurden, wurde es schwierig für die Zwillinge die Lehrer zu täuschen, denn… Margit konnte besser rechnen und Margret war in Deutsch besser.

Diese beiden hatten auch dem sog. „Fünferrat“ angehört. „Marianne, Marianne, das fünfte Rad am Wagen, das kann man gar nicht tragen“, so riefen die Kinder nach der Schule Marianne hinterher. -

Von 12:00-13.30 Uhr konnte man im Cafe M&M für 5 Euro nicht nur ein Mittagessen bekommen, sondern auch Kaffee und Kuchen. Geöffnet war das Café bis 19:00 Uhr. Jeden Abend um Punkt 18:45 Uhr sicherte Margret Tische, Stühle und Sonnenschirme mit Ketten und Schlösser.

Für den Mittagtisch war Margret zuständig, für die Kuchen Margit. Mittlerweile handelte es sich bei den beiden um zwei völlig voneinander gelöste Persönlichkeiten. Niemand würde den beiden mehr ansehen, dass sie sich mal wie ein Ei dem anderen geglichen hatte. Margret kleidete sich elegant, trug eng anliegende, lange Röcke und schmal geschnittene Blusen. Ihre brünetten Haare trug sie schulterlang, mit Spangen nach hinten gehalten. „Hat was“, dachte Marianne.

Margret hatte kein Gramm zuviel, war aber weit davon entfernt, dürr zu sein. Sie zeigte, was sie hatte, wenn sie sich auch hinter einem strengen Äußeren versteckte. Zu ihren Kunden war sie freundlich und aufmerksam und bei den Stammkunden blieb sie beim Kassieren auch schon mal auf einen Schwatz stehen.

Auch Margit hatte sich eine gute Figur erhalten, sie hatte ein paar Pfund weniger als ihre Zwillingsschwester. Aber im Gegensatz zu ihr bevorzugte sie eng anliegende Hosenanzüge, manchmal mit weißen Blusen, manchmal mit Hemd und Krawatte. Die Haare trug sie streichholzkurz; dunkelrot gefärbt und mit viel Gel  standen sie wild vom Kopf ab.

Beide - Margret und Margit - waren fleißig, soweit Marianne das von ihrem Beobachtungsposten aus beurteilen konnte. Jeden Morgen, Punkt 9:30 Uhr, fuhren sie in ihrem Auto — ein altes Ding, Marianne kannte sich da nicht aus, wunderte sich nur, dass die zwei sich kein neueres Auto leisten konnten — vor den Eingang ihres Geschäfts und luden die frischen Zutaten aus. Was es heute wohl gab? Marianne entschied, heute essen zu gehen. Wegen des Kopfsteinpflasters, das ihr große Mühe beim Laufen machte, würde sie Hagar überreden, mitzukommen. Erkennen würde sie keiner.

Rosel

hatte den Laden von ihren Eltern übernommen, schräg links vom Café. Früher war das ein reiner Zigaretten- und Zeitungsladen gewesen, aber heute konnte man dort auch bunte Tücher sowie Schals und Hüte bekommen. Im Winter kamen dann noch Handschuhe mit und ohne Finger dazu, sowie bunte Mützen und dicke Wollsocken. Rätselhaft, wie die Rosel das durchhält, überlegte Marianne. Letzte Woche wurden ihr zwei von den großen und eins von den kleinen Tüchern geklaut. Überhaupt hatte Marianne schon häufiger jemanden beim Klauen beobachten können.

Rosel hatte sich zu einer staatlichen Frau gemausert. Sie war nicht dick, aber kurz davor. Stattlich war sie, mit langen braunen Haaren und Schuhen mit hohen Absätzen. Marianne wunderte sich jedes Mal, wie Rosel mit diesen hochhackigen Schuhen den ganzen Tag stehen konnte. Sie war immer gepflegt und gut angezogen. Manchmal, wenn keine Kunden im Laden waren, stand sie im Eingang und grüßte die Leute oder sie unterhielt sich mal mit dem oder jenem.

Ihre dicken braunen Haare hatte sie oft zu kunstvollen Frisuren geflochten. Heute trug sie einen langen, geflochtenen Zopf. Keiner, der sich heute mit der Rosel unterhielt, würde glauben, dass sie als junges Mädchen so unglaublich gemein sein konnte. Auch Rosel gehörte übrigens zu den fünf Mädchen des „Fünferrates.“

Marianne seufzte, nahm das Fernglas ihres Vaters und beobachtete zwei Gören. Frech waren die Mädchen, ihr blieb die Sprache weg. Jede von ihnen nahm ein buntes Tuch, band es sich um - die eine um die Hüfte, die andere um die Schulter. Die Kleinere von den beiden nahm jetzt noch ein gleichfarbenes, kleines Tuch vom Ständer und dann verschwanden die Beiden lachend und hüpfend in den Buchladen nebenan. Bezahlt hatten sie die Tücher nicht, Marianne hatte es genau beobachtet.

Fünf Minuten später erschienen die Mädchen wieder. Die Tücher waren verschwunden. Aber die Größere, die Schwarzhaarige, sie trug jetzt eine Tüte. Eine Tüte des Buchladens, Bücherland, stand mit roter Schrift darauf.

Sie würde Hagar die Mädchen beschreiben, vielleicht klärte sich dann ihr seltsames Verhalten.

Bernd

Direkt neben Rosels kleinem Laden befand sich „Bernds Bücherland“. Früher waren die beiden kleinen Läden ein einzelnes, großes Geschäft gewesen. Man munkelte, Rosel und Bernd seien mal ein Paar gewesen, Marianne wusste es aber nicht genau. Hatten sie vielleicht die Wand hochgezogen, um so auch äußerlich die Trennung zu demonstrieren? Das würde Marianne sicherlich auch noch herausfinden.

Den Laden von Bernd konnte Marianne nicht einsehen. „Bücher“, Marianne lächelte. Natürlich waren auch ihre eigenen Bücher und Hefte bei Bernd zu finden. Wie gut, dass sie bei der Veröffentlichung ihres ersten Buches ein Pseudonym verwendet hatte. Sie war einmal in seinem Buchladen gewesen. Gut sah er aus, seine graublauen Augen hatten sie freundlich angesehen. Sollte sie einmal so weit sein, sich zu erkennen zu geben, könnte sie ja vielleicht vor seinem Laden Lesungen halten. Ein paar Bierbänke, Getränke von M&M, Mikro, Verstärker - das Ambiente würde perfekt sein.

Der kurze gepflegte Bart, der im Gegensatz zu seinen Haaren schon grau wurde, gab Bernd ein gemütliches Aussehen. Ja, Bernd sah gemütlich aus. Er war groß, viel größer, als es zunächst schien, sein Kreuz war breit und er hatte starke Arme. Seine Hände waren gepflegt, er hatte lange, sehnige Finger und schöne Fingernägel. Kein Ring schmückte seine Hand, es war auch keine helle Stelle am Ringfinger zu sehen, wo normalerweise der Ehering saß.

Bernd war nicht dick, hatte aber einen leichten Bauchansatz. Trotzdem sah er gut aus. Marianne verstand nicht, warum es augenscheinlich keine Frau in seinem Leben gab.

Einen Moment dachte sie, als sie ihm gegenüberstand und ihr Herz schneller zu schlagen begann, er würde sie erkennen. Aber nein, er erkannte sie nicht. Er lächelte und war freundlich. Sie konnte es nicht lassen und verwickelte ihn in ein Gespräch über ihr letztes Buch. Sie bemerkte bald, dass er es gelesen hatte. Er wusste viel mehr vom Inhalt, als das Cover verriet. „Ich habe gehört, die Autorin ist aus den USA nach Deutschland zurückgekommen, sie ist wohl Deutsche. Hoffentlich kommt bald ein neues Buch von ihr heraus. Wäre schade, wenn nicht!“

„Sie sind gut informiert“, Marianne lächelte ihn an. „Vielleicht verirrt sie sich in dieses wunderschöne Städtchen und hält hier eine Lesung. Das wär doch was.“

Bernd lachte mit tiefer Stimme und um seine Augen erschienen 100 Lachfältchen.

 „Dafür würde ich ihr die Füße küssen, ehrlich.“

„Gut ich werde es ihr sagen, wenn ich sie das nächste Mal beim Friseur sehe.“ Marianne strahlte Bernd an, der sie erst verdutzt ansah und dann lachte, so dass sein Bauch anfing zu wackeln.

Keiner hatte sie erkannt, als sie wieder in ihre Heimatstadt zurückkehrte. Und sie hatte es keinem auf die Nase gebunden, wer sie war, auch wusste keiner, dass ihr das Haus gehörte. Ob sich denn wirklich niemand mehr an Marianne erinnerte, oder niemand hin und wieder an sie dachte?

Sie ging zurück in ihre Wohnung.

Fünf Minuten später waren die Mädchen wieder da. Sie betraten den Buchladen und zum ersten Mal, seit Marianne das Fenster auserkoren hatte, bereute sie, dass sie gedacht hatte, von hier aus den besten Überblick zu haben . Schwerfällig erhob sie sich und ging zum nächsten Fenster, von wo aus sie in den Buchladen schauen konnte. Aber sie war zu langsam, die Gören kamen schon wieder kichernd aus dem Laden heraus. Die Schwarzhaarige hatte sich das kleine Tuch nun um ihre  langen, welligen Haare gebunden und das große Tuch mit dem gleichen Farbenmuster um den Bauch geknotet, sie trug enge blaue Hosen und eine weiße Bluse. Sah sie vorher hübsch und adrett aus, sah sie jetzt — verwegen, ja verwegen aus. Oder sexy, wie man heutzutage sagte. Marianne beobachtete, wie die beiden Mädchen vor dem Laden einen Tanz aufführten und dann - das schlug doch wohl dem Fass den Boden aus - noch einmal den Laden von Rosel betraten. Aber wo war eigentlich das zweite große Tuch geblieben? Hatten sie das etwa im Bücherladen versteckt?

Die Mädchen verschwanden wieder im Bücherladen. Was taten sie da bloß? Sie würde die beiden Mädchen im Auge behalten müssen – vor allem aber wollte sie herausfinden, wer sie waren. Sie musste sich auf die Gesichtszüge der beiden konzentrieren. Als die Mädchen den Buchladen wieder verließen rief sie „Hagar, „Hagar, kommen Sie, schnell.“ Hagar stellte den Eimer mit frischem Wasser ab und kam zu Marianne. Diese zeigte aus dem Fenster und zeigte auf die Mädchen.

„Wer sind die Zwei?“

„Das sind die Töchter von Bernd - Bernds Bücherladen. Wussten Sie das nicht?“

Marianne hatte selten erstaunter ausgesehen als jetzt. „Und ihre Mutter?“

„Tot.“              „Tot, wieso tot?“

Hagar seufzte. „Kurzfassung: Brand. Sie ist verbrannt, die Kinder konnten gerettet werden.“

„Und wo hat es gebrannt“?, fragte Marianne gespannt. Hagar seufzte. „In der Ladenhälfte von Rosel. Rosel ist die Patentante der Zwei und ersetzt so gut sie kann ihre Mutter. Damals, vor dem Brand gab es die Zwischenwand noch nicht.“

„Ja, ja“, murmelte Marianne, die gar nichts mehr verstand. Sie machte sich einige Notizen. Das wurde ja richtig spannend.

Hagar wollte wieder zum vollen Wassereimer zurück.

„Hagar“, rief Marianne, „würden sie mich um 13:00 Uhr begleiten?“

„Wo immer Sie hinwollen, ich hab heute Zeit.“

Monika

Oh, da ist sie, Monika! Das erste Mal, dass ich sie sehe, seit ich hier nach allen Ausschau halte. Monika, die Rädelsführerin der damaligen Bande.

Die Figur, die Haare, der Gang, Marianne hatte sie für alles gehasst. Monika hatte alles, was Marianne nicht hatte. Ihre Gedanken gingen zurück in die Kindheit.

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Lächelnd und siegessicher stand Monika im Kreis ihrer Freundinnen. Und die Gänse riefen im Chor: „Die Marianne ist’s nicht, der Willi ist’s nicht, dann muss es die Monika sein.“ Kichernd und johlend liefen sie davon, aber nicht, ohne Marianne noch einen Schubs zu geben, die prompt das Gleichgewicht verlor und in eine Pfütze fiel.

Sie alle hatten es zu was gebracht: Monika, Doris, Margret und Margit und Rosel.

Ob wohl eine von ihnen noch an Marianne dachte? An Marianne, die Schreckschraube, die Hexe, die Einsame? An Marianne, den Krummfuß?

Seit einem Jahr war sie bereits zurück, hatte sich nicht zu erkennen gegeben, ein Jahr lang schaute sie dem Leben und Treiben auf dem Marktplatz schon zu.

Ob sich die anderen überhaupt erinnern würden, wenn sie sich zu erkennen gab? Dieser Gedanke beschäftigte sie immer häufiger. Wenn ja, was würden sie sagen? Wären sie verlegen? Hatte jemals eine der fünf darüber nachgedacht, wie sie sich damals gefühlt hatte?

Vor Jahren hatte Marianne einen chirurgischen Eingriff machen lassen, in Amerika, wo sie lange Jahre lebte und glücklich war - ihr Bein war nun gerade. Sie trug keine Schiene mehr unter der langen Hose. Sie lief zwar etwas gestelzt, aber sehr aufrecht - nur bei Wetterwechsel hatte sie starke Schmerzen. Aber das ließ sie niemanden merken.

Sie hatte noch immer eine gute Figur, die Monika. Aufrecht und gut angezogen. Wie sie heute wohl war?

„Hagar“, rief sie in die Küche, „kommen Sie schnell und erzählen Sie mir etwas über die Rothaarige.“

Hagar kam kopfschüttelnd angelaufen, die Hände an der Schürze abwischend.

„Ach, die“, schnaubte sie verächtlich, „sie lebt seit ein paar Jahren wieder hier, pflegt ihre alte Mutter.“

„Das ist doch rühmlich, das hätte ich ihr nicht zugetraut.“

„Warum, kennen Sie die?“ fragt Hagar.

„Ich meine, so gepflegt, wie sie daherkommt, würde ich ihr nicht zutrauen, dass sie eine alte Dame füttert und ins Bett bringt...und so.“

„Das tut sie ja auch nicht, dazu hat sie ja ihr Personal.“

„Personal, Hagar?“

„Ich weiß doch auch nicht. Sie verschwand vor Jahren in die Großstadt. Als sie wiederkam, war sie reich und sehr krank.“

„Ach, und mehr weiß man nicht über sie?“

„Man hat, als sie zurückkam und zu ihrer Mutter zog, nie den Grund erfahren. Man weiß nur, dass der Doktor ein Jahr lang jeden zweiten Tag kam. Sie hatte Pflegerinnen, aus der Stadt.“

„Und dann?“ Hagar stellte Mariannes Geduld auf eine harte Probe.

„Die Pflegerin verschwand, kurz darauf bekam die Mutter einen Schlaganfall und die Pflegerinnen kamen wieder. Sie beschäftigt eine Hauswirtschafterin, eine Putzfrau und drei Pflegerinnen.“

„Und — woher hat sie das Geld dafür?“ Marianne war ganz in Gedanken, so dass sie gar nicht bemerkte, wie Hagar wieder in die Küche ging.

„Hagar“, rief sie, „woher hat sie das Geld?“

„Denken Sie sich was aus, hier weiß es keiner… Soll ich Pfannekuchen zu Mittag machen?“     

 „Pfannkuchen, Hagar, es heißt Pfannkuchen“.

„Ja, ja ich weiß, wollen Sie mit Salat oder süße Pfannekuchen?“

„Hagar, Sie begleiten mich doch nachher, wir wollen doch essen gehen?“

„Wieso, mögen Sie meine Pfannekuchen nicht?“

„Doch, Hagar doch, aber ich muss da runter und das Kopfsteinpflaster, sie wissen doch.“

 

Joe

Als das Liebste, das Marianne auf dieser Erde je gefunden hatte, bei einem Flugzeugunglück im Meer versank, hielt sie es in der Wahlheimat nicht mehr aus. Sie hatte, um nicht verrückt zu werden, angefangen zu schreiben. Das hatte ihr gut getan und zudem wurde das Buch in den USA zu einem Bestseller. Nun, da sie keine finanziellen Sorgen mehr hatte, zog sie ein unsichtbares Band wieder in die alte Heimat zurück. Ohne Joe kamen die Gespenster wieder, die sie, solange sie mit Joe zusammen gewesen war, in Ruhe ließen. Doch Joe war bei ihr - da, wo sie war, war auch er.

Nächste Woche, nahm sie sich vor, würde sie sich zu erkennen geben, eigentlich machte es ihr keinen Spaß mehr, sich zu verstecken und von fern dem Leben und Treiben der Kleinstadt zuzuschauen. Oh Gott, wie sie wohl reagieren würden?

Keines der fünf Mädchen von damals war einsam und verbittert, sie hatten alle ein Leben in einem gesicherten Umfeld.

Aber… woher nahm sie sich das Recht, das zu behaupten?

Sie begegneten sich, tratschten und klatschten und gingen zurück zu ihren Familien, ihrer Arbeit. Nicht ganz, nein, das stimmte nicht. Sie musste ehrlich bleiben. Leid, das anderen geschah, tat genau so weh, sie musste ehrlich bleiben.

Was wusste sie schon von ihnen? Was sie sah, war die Oberfläche, es könnte eine Maske sein, die aufrecht zu halten viel Mühe kostete.

Es fiel ihr schwer, ehrlich zu sich selbst zu sein. Hatte sie nicht selbst die Verantwortung für ihr Erwachsenenleben? Bindungslos, ohne Freundin oder enge Vertraute, ohne Verabredung ins Kino oder Theater! Sogar bei ihrem einzigen Erfolg, ihren Büchern, blieb sie anonym, namenlos, fremd.

All die Jahre war sie damit beschäftigt gewesen, ihren Groll zu schüren gegen fünf zwölfjährige Mädchen, die schon lang zu anderen Persönlichkeiten geworden waren. Ihr halbes Leben war damit ausgefüllt, den Fünfen die schweren Verfehlungen nachzutragen.

Bis sie sich in den USA dieser schwierigen Bein-OP unterzog.

Als sie nach der OP das erste Mal die Cafeteria aufsuchte, setzte sich Joe zu ihr. Und zum ersten Mal in ihrem Leben lernte sie die Liebe kennen. Eine langsam aufkeimende, stark werdende Liebe.

„Nach-zu-tragen“, sie seufzte, sie hatte einen unsichtbaren Rucksack auf dem Rücken, der sie all die Jahre niedergedrückt hatte und den würde sie jetzt absetzen. Endgültig! Das war sie nicht nur Joe schuldig, der sie nicht nur die Liebe, sondern auch die Vergebung gelehrt hatte. Er hatte ihr klargemacht, dass ihr Leben vergiftet, verloren und einsam war, solange sie die Vergangenheit nicht losließ. Sie hatte genug davon, kleinlich zu sein.

Joe hatte ihr die Augen geöffnet, Joe, der ihr jetzt stolz und froh aus einer anderen Welt zulächelte.

Nächste Woche wurde sie neununddreißig Jahre alt und sie würde ein neues Leben beginnen. Joe, der sie geliebt und all die Wunden ihres einsamen Herzens wahrgenommen und geheilt hatte, Joe würde ihr helfen, auch diesen Schritt zu gehen. Dann würde sie endlich frei sein.

Marianne war mit Hagar essen gegangen. Das Essen war gut und die Informationen Gold wert. Spät in der Nacht faxte Marianne ihrem Verlag die erste Geschichte. Elf weitere sollten folgen.

Was zuerst nur als Fortsetzungsgeschichte in einer Zeitschrift geplant war, wurde schnell zu einem Bestseller. Zum 1. Advent sollte das Buch auf den Markt kommen. Nochmals durchlebte Marianne ihre Kindheit und Jugend. Erkannte den Scheideweg.

Kurz vor Erscheinen des Buches rief Marianne im Buchladen an und meldete sich mit ihrem Pseudonym. “Eine Lesung bei mir, Sie — Entschuldigung, ich meinte... “ 

Marianne lachte, „ich weiß, was Sie meinen, ihr Laden ist etwas zu klein, wissen Sie was?“ Marianne tat, als überlege sie. „Nein ich weiß nicht, woher wissen.... “stotterte Bernd und rang um Fassung.

„Wir mieten uns bei M&M ein.“ „Die Plätze reichen nicht“, kam von Bernd wie aus der Pistole geschossen. Er schien sich von seinem Schreck zu erholen.

„Der Gemeindesaal der Kirche, mindestens, die M&Ms können die Bewirtschaftung übernehmen. Wir könnten...“

„Wissen Sie was, das darf ich Ihnen überlassen. Ich komme am Samstag vor dem 1. Advent um 15:00 Uhr zur ersten Lesung meines neuen Buches. Ich gehe davon aus, dass Sie genügend Bücher mitbringen! Den Verkauf überlasse ich Ihnen.“

Sie hörte, wie Bernd schluckte.   

„Eine Bitte hätte ich noch.“ Sie machte eine Pause. „Den Jahrgang 59 hätte ich gern so vollzählig wie möglich in der ersten Reihe sitzen.“

„Den Jahrgang 59?“ Bernd tat ihr schon fast leid.

„Den Jahrgang 1959, erstes Schuljahr. Ich glaube, die M&Ms gehörten dazu.“

„Ach ja, und den Blumenschmuck bestellen Sie bitte großzügig bei Doris.“ Das dürfte genügen. „Bye, Bye und vergessen Sie nicht, sie wollten mir die Füße küssen!“

“Füße küssen”, Bernd schien am Ende seiner Nerven zu sein.

Sie hatte gutes Deutsch mit amerikanischem Akzent gesprochen und war überzeugt, das Bernd eine schlaflose Nacht hatte.

Jetzt war sie frei und das tat gut.

„Hagar“, rief sie, „Hagar, heut wird nicht geputzt, kommen Sie, ich muss dringend einkaufen. Es ist Markttag! Kommen Sie schnell -  ich brauche Blumen, einen Schal, ein Buch und etwas zu essen.“

                                                                 Ende

                  

                           Das Tüpfelchen auf dem i

Maria stand auf der Anhöhe und hob schützend die Hand vor ihre Augen. Sie schaute in das Tal und ließ ihren Blick über die bunten Wiesen schweifen. Der Sommer ging zu Ende und er zeigte sich in seinem schönsten Kleid. Tagelang hatte ein sanfter Regen die Wiesen und Bäume getränkt und den Staub von den Blättern gewischt. Die drückende Hitze der vergangenen Wochen war einer angenehmen Wärme gewichen. 

Maria war immer wieder aufs Neue fasziniert von der Vielfalt der Natur. Wie viele Abstufungen von Grün gab es? Jetzt, nach dem Regen und dem warmen Licht, erschien die Farbenpracht der Bäume und Wiesen Maria wie ein Wunder, an dem sie ehrfürchtig teilnehmen durfte.

Gedankenverloren blickte sie um sich, so viele Male stand sie schon hier und doch war es immer wieder ein Wunder. Der Himmel leuchtete in einem hellen Blau. Kleine weiße Wölkchen zogen rasch dahin.

Bin ich glücklich, bin ich alt? überlegte sie. Jugendliche würden mich wahrscheinlich  als Grufti bezeichnen, aber ich schaue zurück auf ein reiches, glückliches Leben. Am Ende eines Lebenssommers gehe ich meinem Lebensherbst entgegen. Wie andere Menschen wohl ein glückliches Leben definieren würden?

Das Leben ist bestimmt nicht immer liebevoll mit mir umgegangen, nicht immer war ich glücklich. In manches Grab habe ich gesehen und Gott gesagt, dass es für diesen Abschied zu früh, viel zu früh sei. Doch wie ein Wunder war ihr Leben bei jedem Abschied weitergegangen und hatte neue Wunder hervorgezaubert. Ich habe gelernt, zu akzeptieren, dass manches in meinem Leben nicht so lief, wie ich es mir vorstellte. Menschen kreuzten meinen Lebensweg und verschwanden wieder - wie die Lichter eines Autos, das auf dieselbe Fahrbahn schwenkt, eine Weile neben einem herfährt, dann abbiegt und in der Dunkelheit verschwindet. Einige Menschen kamen mir dabei zu nahe, verletzten mich und ließen mich traurig zurück. Andere blieben auf meiner Spur, fuhren neben mir her, passten sich meinem Lebenstempo an. Freundschaft und Liebe, die wichtigsten Dinge, entstanden daraus.

Maria dachte an die vielen Aufgaben, die sie im Leben erfüllt hatte. An die vielen Freundschaften, die sie in ihrem Leben haben durfte. An die Männer, die sie geliebt hatte. An die Kinder, die sie großziehen durfte.

Leicht war es nie, es flog ihr nie etwas zu.

Und sie hatte Fehler gemacht. Fehler, die sie bereute und die ihr Leid taten. Sie hatte Menschen verletzt, sie hatte sich im Recht gesehen und war stur gewesen.

Hatte sie einmal etwas als ihre Aufgabe erkannt, dann verbiss sie sich darin, wie ein Hund an seinem Lieblingsknochen.

Das war manchmal gut, dachte sie wehmütig, manchmal aber habe ich mir selbst und anderen wehgetan. Aber auch das gehört zu einem Leben dazu, dass man andere verletzt, ihnen wehtut.

Habe ich alle Menschen um Verzeihung gebeten, denen ich wehtat? Maria seufzte. Bestimmt nicht. Sie setzte sich auf die Wiese und dachte nach. Ich kann allen Menschen verzeihen, die mir weh taten, beschloss sie.

Maria beobachtete eine weiße, kleine, dicke Wolke, die schnell am Himmel trieb. Alles Ungute, was mir andere je zufügten, sagten oder über mich dachten, will ich nicht bei mir behalten, ich lege alles in diese Wolke. Sie nimmt den Ballast mit und es geht mich nichts mehr an. Sie seufzte, beobachtete die schnell davonziehende Wolke.

Liebe ist ein Geschenk, ein kostbares und wertvolles Geschenk, dafür habe ich Gott gedankt, dachte Maria. Oft genug? Habe ich nicht vielmehr mit ihm gestritten, ihm Vorhaltungen gemacht, ihm vorgeschrieben, was gut für mich ist?

Zugegeben, oft hat er es besser gewusst, hat eigentlich immer bessere Entscheidungen getroffen als ich und im Nachhinein war ich dankbar dafür. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich ihn nicht immer um seine Meinung gefragt.

Liebe zwischen zwei Menschen wird heute so oft mit Sexualität verwechselt. Wie viel Leid gibt es, wenn Menschen sich durch die Sexualität definieren. Dabei soll Sexualität doch das „i-Tüpfelchen“ der partnerschaftlichen Liebe sein. Die Schlagsahne auf dem Kuchen. Zwischen einen „trockenen Kuchen“ gehört die Füllung - viel Zärtlichkeit und Kuscheln, Verständnis und Toleranz, Großzügigkeit und ein paar Geheimzutaten. Wenn die geheimen Zutaten fehlen, die bei jeder Beziehung ein wenig anders sind, dann fehlt etwas wie bei einer Schwarzwälder Kirschtorte; das Beste nämlich, die süß-sauren, saftigen Kirschen.

Und was nehme ich mir heute, an meinem sechzigsten Geburtstag, vor? Was erwarte ich noch vom Leben? Was habe ich noch nicht ausgekostet? Was steht noch auf meinem Lebensplan? Gott wird es wissen, darauf will ich bauen und vertrauen.

Etwas mühsam steht Maria auf und reckt und streckt sich.

Und, dachte sie schmunzelnd, auf der Hochebene stehend, es hat sich gelohnt.

Sie konnte sich kein anderes, leichteres Leben vorstellen, auch kein schöneres, als das, das sie hatte. Die Schwierigkeiten in ihrem Leben hatten sie demütiger, liebevoller, geduldiger werden lassen.

Ihr Herz machte einen Sprung, als sie den Mann auf sich zukommen sah, den sie jetzt liebte. Für die wirkliche Liebe ist man nie zu alt, dachte sie. Nicht, wenn man im Leben gelernt hat, was Liebe wirklich ist.

Er fasste ihre Hand und zog sie an sich. „Du siehst aus, als hättest Du Lust auf eine Schwarzwälder Kirschtorte.“

Sie lachten sich an. Als sie daran dachte, mit was sie eben eine Schwarzwäldertorte verglichen hatte, wurde sie ein wenig rot.

„Und eine große Tasse Cappuccino“, antwortete sie. „Komm, lass uns nach Hause gehen.“

                                                         Ende

 

                              Ein wirklicher Biedermann

 

       Liebe

Weiche Knie

Leeres Gehirn

Schmetterlinge im Bauch —

Kennst Du das auch?

 

                                        Liebe so groß

                                        Was mach ich bloß?

                                        Ich könnt vor Glück schrei‘n —

                                        Und bin doch allein!

 

                                        Dich gibt es für mich,

                                        aber mich nicht für Dich…

                                        Ich himmle ihn an —

                                        Er denkt gar nicht dran.

 

                                        Ich möchte, dass er bleibt,

                                        sich nicht mehr rumtreibt.

                                        Doch er will nur raus —

                                        Er hält’s hier nicht aus.

 

                                        Drum lass’ ich ihn gehen,

                                        ich kann’s ja verstehn,

                                        was er tat so oft kund —

                                        er ist und bleibt ein

Straßenhund!

(mit freundlicher Genehmigung aus „Gedanken“ von Inge Kile)

 

Adele wachte auf. Es war nur ein Traum, Gott sei Dank.

Ihre Katze Martha starrte sie an. Sie lag auf ihrer Brust, der unruhige Schlaf ihrer Herrin hatte ihr so gar nicht gefallen.

Langsam, ganz langsam begriff Adele, das nichts vom dem geschehen war, von dem sie geträumt hatte.

Bedauerte sie das? Was wollte ihr der Traum sagen? Was wünschte sie dem Mann, von dem sie geträumt hatte, wirklich?

Was wünschte SIE sich?

Wünschte sie sich, ihn zu töten oder wünschte sie ihm den Tod?

Das war doch nun wirklich nicht ihre Art! Sie schüttelte den Kopf solch ungehöriger Gedanken.

Sie schaute auf den kleinen Wecker, der neben ihrem Bett auf einem kleinen Wandregal stand. Aber sie konnte nichts erkennen, es war zu dunkel, sie streckte ihre Hand nach dem Lichtschalter aus - und war plötzlich wach, hellwach sogar.

Drei Dinge geschahen gleichzeitig, das Licht ging an, die Katze sprang fauchend und wütend ob der Störung aus dem Bett und — Adele fiel alles wieder ein. Alles, und alles auf einmal.

Sie stand auf und ging ins Bad. Sie war nassgeschwitzt, als hätte sie unter der Dusche gestanden. Keinen trockenen Faden hatte sie mehr am Leib.

Duschen - ja, das würde helfen.

Als sie im Bad auf die Uhr mit dem großen Ziffernblatt sah, stellte sie fest, dass es erst zwei Uhr dreiundfünfzig war. 

Aber auch unter der Dusche, während sie den warmen Wasserstrahl auf ihr Gesicht prasseln ließ… sie wurde von dem Traum verfolgt, in dem sie das entblößte Bein unter dem Auto gesehen hatte. Lebte er noch? Dumme Frage, schalt sie sich, warum sollte er nicht mehr leben? Tot würde er ihr gar nichts nützen. Sie wusste, dass an Schlaf nicht mehr zu denken war – in diesem Zustand ganz sicher nicht.

Hatte sie ihm wirklich im Traum den Tod gewünscht? Würde sie ihm wirklich gern die Maske des Biedermannes vom Gesicht reißen?

Aber Walter war kein Biedermann, er war ein Schuft, ein Betrüger ein, ein… ihr fehlten die Worte. Die Wut, die Trauer um eine verlorene Freundschaft, um ihr Geld,  alles war wieder gegenwärtig.

Ob Walter wohl mittlerweile zwischen schweißgetränkten, zerwühlten Bettlacken aufwachte? Hatte er ein schlechtes Gewissen? Tat es ihm leid, was er ihr angetan hat? Traf er sich vielleicht sogar schon wieder mit einer anderen Frau, die genau so einsam, vertrauensvoll und saublöd, wie sie es gewesen war, ihm ihr ganzes Geld anbot?

Sie stöhnte auf.

Man müsste den Schuh umdrehen.

Aber wie!!!

Sie hatte sich doch immer auf ihr gutes Gespür und ihr Einfühlungsvermögen verlassen können. Wo war denn damals ihr wacher Verstand geblieben? Wach wurde sie erst, als er sich immer mehr zurückzog und sie später dann bemerkte, dass ihr Konto leergeräumt war. Wieso war sie nicht früher misstrauisch geworden? Warum hatte sie sich nur von ihm dermaßen angezogen gefühlt?

Als er sich immer weiter zurück zog, war sie in Panik geraten, hatte Angst, ihn zu verlieren. Half ihm mit Geld aus, damit er nicht sechshundert Kilometer wegziehen müsste. Und er? Gab sich traurig und beschämt, von einer Frau, die er bewunderte und achtete, Geld anzunehmen.

Was für ein Heuchler!!!

 

Sie ließ weiterhin heißes Wasser auf ihren Körper niederprasseln. Wenn sie so doch nur die Schmach und Scham und ihre Gedanken wegspülen könnte!

Mit leiser Stimme hatte er sie gefragt, ob er nicht vielleicht doch zu seiner Schwester ziehen sollte, die hätte eine große Gärtnerei in Norddeutschland und bestimmt ein kleines Zimmer für ihn. Dort könnte er an seinem Roman weiterschreiben. Und in der Gärtnerei bräuchte man immer eine fleißige Hand. Bei dieser Frage hatte er seine manikürte Hand auf die ihre gelegt und sicherlich hatte er auch gespürt, wie sie anfing zu zittern. Traurig lächelnd hatte er ihr in die Augen geschaut, der Schuft und gesagt, dass der Durchbruch seines Romans kurz bevor stünde. Der Verleger sei begeistert. Es würden nur noch die letzten drei Kapitel fehlen. Und er hatte beteuert, dass das den großen Durchbruch bringe. Und dann meinte er, er stünde unter großem Zeitdruck, das hätte ihm eine Schreibblockade beschwert.

Er war auf eine faszinierende Art… was, ja was war er gewesen? Schüchtern? Ängstlich? Zurückhaltend?

Es war nie zu mehr gekommen, als dass er ihre Hand hielt oder drückte. Sie dachte, er wäre ein echter Gentleman. Sie genoss seine zurückhaltende Art und hatte das Gefühl, sich auf ihn verlassen zu können.

Wütend trocknete sich Agathe ab.

Sollte er wirklich ein Schriftsteller sein, so konnte er ja jetzt sie und ihr Verhalten als interessante Romanfigur nehmen.  Mir selbst zu verzeihen, das muss warten, das wird wohl noch lange Zeit nicht möglich sein, dachte sie grimmig.

In ihren Bademantel gewickelt, mit nackten Füssen und nassem Haar, ging sie in die Küche und machte sich Milch warm. Vielleicht würde die sie ja beruhigen.

Aber die Gedanken ließen sich einfach nicht zur Ruhe bringen.

War sie dumm? Aber nicht mal damit konnte sie sich herausreden. Nein, sie war nicht dumm. Sie seufzte. Sie war Studienrätin, Ende vierzig, nicht einmal hässlich. Aber einsam war sie gewesen, schrecklich einsam. Nach dem Tode ihres Vaters und der Mutter, die viel zu früh starb, war sie einsam geworden. Ihr Vater war zu ihr in die Stadt gezogen. Er, der immer die Einsamkeit der Wälder und Felder liebte, der jedes Tier, jeden Baum und jede Blume benennen konnte, fühlte sich plötzlich verloren und einsam nach dem frühen Tod der Mutter. „Wenn ich hier bleibe“, sagte er nach der Beerdigung zu seiner Tochter, „drehe ich durch.“ Verzweifelt, demütig bat er sie: “Nimm mich mit in die Stadt, bitte.“ Er hatte sie noch nie um etwas gebeten. Sie schluckte all ihr Argumente runter und hörte sich sagen: „Natürlich kannst du bei mir wohnen, Platz gibt es genug. Und die Bibliothek ist auch nicht weit und der Stadtpark gleich um die Ecke.“ Sie lächelten sich tapfer und traurig an.

Ihre Mutter hatte vor vier Jahren im Stadtpark einen Welpen im Papierkorb gefunden. Max hatten sie ihn getauft, als sie zuerst bei der Polizei, danach beim Tierarzt mit ihm waren. Er war zu einem stattlichen Hund herangewachsen. Max war ein Mischlingshund mit langem Fell und unbändigem Temperament. Sie war mit ihm spazieren gewesen, ziemlich weit waren sie gegangen über Stock und Stein. Auf einem kleinen Sträßchen wurde die Mutter von einem Unbekannten angefahren. Als man sie fand, war sie bereits verblutet und der Hund ließ keinen an sie heran. Ein Jäger musste den treuen Hund erschießen.

Es lebte sich gut mit dem Vater, besser als sie am Anfang dachte. Es war schön aus der Schule zu kommen und an einen gedeckten Tisch zu sitzen. Sie machten einen Plan. Zweimal in der Woche kochte sie, zweimal der Vater. Sie gaben sich gegenseitig genügend Freiraum und doch war keiner mehr alleine. Die Vier-Zimmer- Wohnung, die gleich neben dem Stadtpark lag, nicht weit von der Schule, in der sie unterrichtete, bot genügend Platz für beide.

Warum war sie eigentlich so einsam gewesen? Wieso hatte sie keine Freunde, keine enge Freundin, mit der man alles besprechen konnte? In der Schule gab es doch genug Kolleginnen und Kollegen, mit denen man mehr oder weniger feste Freundschaften hätte schließen können. Aber sie hatte sich immer zurückgezogen, ging zu keiner Geburtstagsfeier, zu keiner Gartenparty, zu keinem Grillfest. Mit der Zeit erhielt sie dann keine Einladungen mehr. Sprachen die Kollegen montagmorgens über ihre Wochenenderlebnisse, schloss man sie aus. Nein... sie hatte sich selbst ausgeschlossen.

Erst als ihr Vater plötzlich und unterwartet starb wurde ihr bewusst wie alleine sie war. Einsam.

Und dann traf sie ihn. Er war höflich, elegant, charmant, witzig, nie aufdringlich, manchmal etwas arrogant, manchmal etwas schüchtern. Er verwirrte sie.

Er war ein guter Zuhörer und ein guter Geschichtenerzähler. War er vielleicht doch Schriftsteller?

Sehr schnell merkte sie, dass sie ihn nicht verlieren wollte, er sollte nicht weggehen.

Deshalb hatte sie ihm all das Geld gegeben, immer wieder. Er sollte in Ruhe seinen Roman fertig schreiben können. In ihrer Nähe. Und wenn der Roman fertig war, würde es ja Geld geben, viel Geld. Er hatte gelacht, als er ihr das sagte. Viel Geld, und sie würde dann natürlich all ihr Geld zurück bekommen.

Konnte man sich denn so täuschen? Ja man konnte. Sie, Adele hatte es bewiesen.

Adeles Gedanken kamen zurück in die Gegenwart.

In der Schule unterrichtete sie Deutsch, Zeichnen und Geschichte. Die Unterrichtsvorbereitungen machten Spaß, zu den meisten Schülern hatte sie ein gutes Verhältnis. Sie gab einigen Schülern Nachhilfeunterricht und bot allen Schülern zusätzliche Stunden vor wichtigen Prüfungen an. Sie strahlte auf ihre Schüler Ruhe und Zuversicht aus. Und obwohl einige Schüler schwierig werden konnten, wussten sie doch alle, dass sie sich auf ihre Lehrerin verlassen konnten.

An diesem Montag hatte sie erst nach der großen Pause Unterricht. Wie immer würde sie schon um acht im Rektorat sein und dieses Mal würde sie sich an den Gesprächen der Kollegen beteiligen und auf sie zugehen. Einige der Kolleginnen waren sogar zur Beerdigung ihres Vaters gekommen. Nun lag es an ihr, es war nie zu spät, sich zu ändern oder oberflächliche Beziehungen einzugehen. Zumindest für den Anfang.

Mal sehen ob es klappt, dachte sie und ignorierte ihre beginnenden Magenschmerzen. Sorgfältig wie immer zog sie sich an. Schminkte sich dezent, war dankbar über ihren natürlichen Lockenkopf und ihren guten Frisör. Sie hatte sehr wohl die kritischen Blicke der 15-jährigen Mädchen bemerkt und gab sich deshalb besonders viel Mühe. Sie hatte ein Faible für Schuhe und passende Handtaschen. Ihr Vater hatte darüber immer nur den Kopf geschüttelt und gelächelt, aber nie ein Wort darüber verloren. Ihr fiel ein, dass er auf der Suche nach einem Schrank, in dem er seinen Mantel unterbringen konnte, ihren Schuh- und Taschenschrank geöffnet hatte. Sie hatte ihn heimlich beobachtet. Diesen Schrank hatte sie nach eigenen Zeichnungen von einem Schreiner bauen lassen. Er war sündhaft teuer gewesen, aber die Schuhe und Taschen waren geschützt. Der Schrank war auch äußerlich ein Prachtstück. Ihr Vater hatte den Schrank leise und sorgfältig wieder geschlossen. Sie war ihm zu Hilfe gekommen, in dem sie ihn fragte, ob er auch einen Kaffee wolle? Er hatte dankbar genickt.

Auch Roswitha Reinthal stand an diesem Montagmorgen prüfend vor dem Kleiderschrank und schüttelte den Kopf. Was zog man denn nur am ersten Arbeitstag als Lehrerin an? Prüfend überflog sie ihre Garderobe.

Ja, das müsste gehen. Der helle Hosenanzug und die dunkelblaue Bluse passten perfekt zu ihren blauen Augen und ihren vollen, lockigen, dunklen Haaren. Sie hatte sich gut auf ihre ersten Stunden in der Schule vorbereitet. Mathe und Geografie.

Da zwei Lehrer ausgefallen waren, sollte sie die Vertretung für die siebte und achte Klasse übernehmen. Eine echte Herausforderung, aber die würde sie annehmen.

Sie seufzte. Es würde ihr gut tun, auf andere Gedanken zu kommen.

Zwei Jahre hatte sie sich vom Schuldienst befreien lassen, um ihren Vater zu pflegen, der nach dem plötzlichen Herztod seiner geliebten Frau schnell verfiel. Danach  stand sie allein da. Es war erst Anfang Mai und es schien noch lange hin bis zum Schulbeginn im Herbst. Was sollte sie tun? Sollte sie eine Kreuzfahrt buchen oder irgendwo hinfliegen? Allein? Sie hatte sich aufgerafft, ins Café zu gehen. Ein dickes Buch hatte sie mitgenommen, das würde sie nun endlich lesen.

Und da hatte er sie angesprochen. Ein Schriftsteller.

Zehn vor acht betrat Roswitha das Lehrerzimmer. Eine Frau saß an einem der Tische und las. Sie sah auf und lächelte Roswitha an. „Guten Morgen“.

Roswitha ging auf sie zu und streckte ihr die Hand zur Begrüßung hin. „Guten Morgen, Roswitha Reinthal, ich bin die Vertretung.“

„Ja, ich weiß“. Adele ergriff die ihr entgegengestreckte Hand und schüttelte sie. Einen festen Handgriff hat sie, dachte Adele, sie gefällt mir.

„Adele Altermann, herzlich willkommen“. Plötzlich wusste Adele, diese Frau würde ihre Freundin werden, die Freundin, die sie so dringend brauchte und wollte.

Fünf Stunden später trafen sich die zwei Frauen  im Lehrerzimmer wieder.

„Na, wie war es?“ Adele schlug einen freundschaftlich lockeren Ton an.

Roswitha lächelte. “Ich lebe noch, und die Schüler werden nie erfahren, dass ich restlos geschafft bin. Ich habe nicht geschrien, mir nicht die Haare gerauft und auch nicht mit dem Fuß aufgestampft. Ich habe Bianca nicht des Klassenzimmers verwiesen und Armin keine gescheuert. Ich bin stolz auf mich.“

„Reife Leistung für den ersten Tag“, lachte Adele. „Kommen Sie, ich hab zwei Stunden frei, und in der Nähe gibt es ein gutes Bistro. Essen hält Leib und Seele zusammen.“

Lachend verließen die Frauen den Raum.

Das Bistro war gut besucht, aber nicht voll. Sie bekamen einen Fensterplatz. Immer noch lachend setzten sie sich einander gegenüber.

„Hoffentlich sind die Teller nicht so klein wie die Tische, ich habe einen Riesenhunger.“

„Das ist ein Bistro, kein Speiselokal, wenn sie was Anspruchvolleres wollen, dann…“ „Nein, nein ein belegtes Brötchen und ein Salat ist völlig ausreichend, sonst schlafe ich heute Mittag ein. Und ich darf doch noch sechsundzwanzig Hefte korrigieren.“

„Sechsundzwanzig, wer hat denn gefehlt?“ Roswitha fiel sofort die angespannte Haltung von Adele auf.

„Hatun hat gefehlt.“

Adele entspannte sich sichtlich, sagte aber nichts. Roswitha nahm sich vor, sie über die einzelnen Schüler auszufragen. Viele von ihnen schienen Probleme zu haben. Probleme, die Kinder in einer Kinderwelt nicht haben sollten. Aber gab es sie noch, diese Kinderwelt? Viel zu früh mussten viele der Kinder erwachsen werden, und das hatte seinen Preis.

Im Bistro war es voll geworden und sie mussten warten.

„Heute gibt es Kässpätzle und Salat als Tagesgericht, für fünf Euro“, unterbrach Adele Roswithas Gedankengänge, „und zum Nachtisch, schau dir mal die Kuchen und Torten an.“

„Willst du mich mästen?“ Roswitha hielt sich den Bauch.

Ganz selbstverständlich waren sie zum Du übergegangen.

„Du hast pausiert“, nahm Adele das Gespräch auf, „ich habe mir das auch überlegt.“

„Ach schau mal“, sagte Adele und wies auf den Teller, den der Kellner gerade vorbeitrug, „riecht gut. Roswitha?! Was ist los, hast du ein Gespenst gesehen?“

Adele wollte sich umdrehen, aber Roswitha legte schnell eine Hand auf ihren Arm. Da kam der Kellner an ihren Tisch und sie bestellten.

Als sie ihre Bestellung aufgegeben hatten, schaute Adele Roswitha fragend an. Was sie sah, gefiel ihr gar nicht. Roswitha war weiß wie die Wand. Sie schwieg, schaute  aus dem Fenster. Die Gäste spiegelten sich im Fensterglas und da sah sie ihn. Er saß mit einer Frau an einem der anderen Tische. Sie war in mittlerem Alter, nett zurechtgemacht und das Leuchten in ihren Augen verriet sie.

Adele wandte sich an Roswitha und fragte nur „wie viel?“ Ihre Stimme klang gepresst.

„30.000 € und meine Selbstachtung“. Roswitha schien es selbstverständlich, dass Adele sie das fragte.

Adele nickte, „bei mir waren es 24.000 € und ich... komm, schnell.“

Der Nebentisch des verliebten Paares war gerade frei geworden, Roswitha schnappte sich einen Stuhl und setzte sich zu dem verdutzten Paar, eng neben Walter.

Walter rang um seine Fassung, er hatte Roswitha sofort erkannt. Mist. Fast hätte er Maria soweit gehabt, sie wollten nach dem Imbiss zum ersten Mal zur Bank.

„Guten Tag!“ Walters Kopf flog auf die andere Seite. „Adele“, völlig fassungslos starrte er die Frau an, die sich dicht neben ihn gesetzt hatte.

„Wie viel wollte er, damit er dableiben kann, und nicht nach Norddeutschland zu seiner Schwester ziehen muss, der Arme?“

Die Frau, die Walter gegenüber saß, rang nach Luft. “Soweit waren wir leider noch nicht, aber bei Ihnen scheint er ja Erfolg gehabt zu haben.“

Adele und Roswitha begriffen sofort. Nur Walter schien nicht zu begreifen, was hier vor sich ging. Zwei Männer kamen auf sie zu und stellten sich hinter seinen Stuhl. Einer von ihnen legte Walter die Hand auf die Schulter.

Die drei Frauen schauten sich verschwörerisch und zustimmend an, nickten unmerklich und lächelten sich zu.

Adele war sicher: von nun an würde sie wieder richtig gut schlafen können und eine Freundin hatte sie jetzt auch.

Gemeinsame Erfahrungen verbinden einfach und machen stark.

                                           Ende

 

Wie gewonnen, so zerronnen

Jack-Pot. 6,5 Millionen. Alle Zahlen stimmen!  Gewonnen!

Markus setzte sich in den Sessel und atmete langsam und bewusst ein und aus, ein und aus. 6,5 Millionen und niemand da, dem er es erzählen konnte. Aber… Ernst war in Holland, ihn konnte er doch anrufen. Wo ist meine Brille, wo hab ich sie denn wieder hingelegt? Stimmt, auf den Badewannenrand. Als Erstes werde ich mir fünf Brillen kaufen und alle gleichmäßig in der Wohnung und im Büro verteilen. In unserem Büro.

Büro, Haus, Garten?

Langsam, langsam. Erst der Schein, dann die Zahlen überprüfen. Vielleicht ist mir ja ein Fehler unterlaufen?  Vielleicht habe ich statt der Zehn die Elf angekreuzt, aus Versehen.

Oh mein Gott, es sind wirklich unsere Zahlen. Ernsts Geburtstag am 21.11., Petras Geburtstag am 1.7. und meiner am 29.4. Hier ist die Brille und hier, Markus lupfte das Telefon, hier ist der Schein. Abgestempelt, bezahlt, er hatte ihn also abgegeben. Jetzt müsste er nur noch ein bisschen Geduld haben.

Jetzt könnten sie ihre eigene Firma gründen. All die Jahre der Träume, der hundert Ideen….

Sorgfältig legte er den Schein wieder unter das Telefon.

Er setzte sich an den Schreibtisch im Wohnzimmer und wählte Ernsts Nummer. Besetzt.

Er wählte die Nummer von Petra, legte aber gleich wieder auf. Wollte er Petra wirklich in sein neues Leben mit einbeziehen? Wollte Petra denn noch teilhaben an ihren alten, gemeinsamen Träumen? Was Ernst betraf, war er sicher. Aber Petra? Sie sollte die Prokuristin der Firma werden, Ernst sollte die Außenkontakte und die Reisen übernehmen und er... den Rest. Klein und bescheiden würden sie beginnen und auch die Gehälter sollten erst mal übersichtlich bleiben.

Aber war das heute noch machbar? Was verdiente Petra? Ihre Kleidung war extravagant, ihr Auto dreimal so teuer wie seines und ihre ... ach, egal. Bei 6,5 Millionen, da brauchte man über so etwas wie Kleidung doch nicht nachzudenken.

Petra. Vor einer Woche hatte sie ihm am Telefon erklärt, sie könne jetzt nicht mehr mit ihm und Ernst befreundet sein, „denn Jörg-Dieter findet das nicht normal, wenn eine Frau wie ich mit zwei Männern befreundet ist. Er findet das unnormal und krank.“

„Was?“ war Markus aufgebraust, „was findet er unnormal und krank? Dass wir nicht nur deinen Körper sehen, dass wir deinen Verstand, deine Art, deine Liebenswürdigkeit schätzen, dass wir seit zwanzig Jahren befreundet sind, was ist daran unnormal und krank. Spinnt der?“

Petra blieb ruhig. „Es ist vielleicht besser, ich sehe dich und Ernst mal eine Weile nicht mehr. Dann sehen wir weiter. Tschüs.“ Markus konnte es nicht fassen, sie hatte einfach aufgelegt. Was war los mit ihr?

Seit ihrer Schulzeit waren sie unzertrennliche Freunde gewesen. Petra, Ernst und Markus. Man nannte sie auch „Das Kleeblatt“! Alle Drei waren Einzelkinder, der Unfall von Ernst hatte sie zusammengeführt. Sie schworen sich damals, immer füreinander da zu sein, schlossen sogar Blutsbrüderschaft. Petra war lange Zeit eine Art  Schwester für Markus, die er nicht hatte, bis sich seine Gefühle für sie änderten. Doch der Schwur der Brüderschaft hinderten ihn daran, seine Gefühle zu offenbaren. Er war halt der vernünftige Bruder, auf den man sich hundertprozentig verlassen konnte und den sie sich damals so gewünscht und so sehr gebraucht hatte.

Dann wurden sie erwachsen.

Mit zweiundzwanzig hatte sie Holger geheiratet. “Warum Holger?“, hatte er sie damals gefragt. Was hatte sie geantwortet? Sie könne ja wohl schlecht einen ihrer  Brüder heiraten. Er und Ernst waren die Trauzeugen.

Sie schien so glücklich zu sein, nach einem Jahr wurde Petra schwanger. Sie erwartete Zwillinge. Zwillinge in einer perfekten, heilen Welt. Aber die Zwillinge waren nicht perfekt. Eines starb gleich nach der Geburt, das andere lebte, aber der Arzt schüttelte traurig den Kopf. Es war behindert, sie müssten damit rechnen, dass es schwerstbehindert sei. Es kam in den Brutkasten. Weder Holger noch Petra konnten damit umgehen. Sie konnten dem kleinen Wesen keine Liebe entgegenbringen. Markus ging damals in die Klinik, um sich ein eigenes Bild zu machen. Schließlich wären er und Ernst die Paten geworden. Er sah nur ein kleines, süßes, hilfloses Baby. Die Maschine, den Brutkasten, die Schläuche, das alles sah er nicht. Er sah nur das winzige Wesen. Und während er dastand und es betrachtete, starb es. Als wenn dieses kleine Wesen nur darauf gewartet hätte, dass einer kommt und es annimmt, dass einer bereit ist, es zu lieben.

Die Beziehung zwischen Holger und Petra veränderte sich dramatisch. Ein Jahr später kam es zur Scheidung, Holger ging nach Australien. Petra holte den Abschluss als Betriebswirtin nach und schloss mit einer Belobigung ab. Sie arbeitete sechzehn Stunden am Tag, kümmerte sich nur noch um ihre Karriere, für die Markus nur ein Kopfschütteln übrig hatte. Aber ihren scharfen Sachverstand erkannte er an, bewunderte ihn sogar. Er wusste ja, wie die wahre Petra war. Er wusste, dass sie litt und dass das Leben, das sie führte, eine Art Flucht war. Flucht in ein Glamourleben, in die künstliche Welt des Geldes und einer Anerkennung , die solange galt, solange man zur Spitze der Gesellschaft gehörte. „Aber da ist niemand, der dich hält, wenn du strauchelst oder fällst“, grummelte Markus vor sich hin.

Ihre Maske legte sie mittlerweile nicht mal mehr ab, wenn sie mit ihm zusammen war. Es wurde höchste Zeit, sich um sie zu kümmern.

Er wählte ihre Nummer. „Hallo Petra, schön dass ich dich erreiche.“

„Hallo, kleiner Blutsbruder, was tust du denn noch auf? Ich komme gerade nach Hause. Es ist schon spät.“

„Bist du alleine?“

„Bruderherz, ich bin alleine, was ist los?“

„Du hast getrunken.“

„Stimmt!“

„Ich wollte dich morgen...“

„Morgen ist Sonntag“, unterbrach sie ihn.

„Sehr scharfsinnig, morgen ist Sonntag, unser Sonntag“.

„Nein, meine Antwort ist nein!“ Schwang in Petras Stimme Panik mit?

„Ich weiß, was du mich fragen willst, meine Antwort ist nein“. Ich bin nicht mehr die Petra vor zwanzig Jahren und vier Monaten.“ Erschrocken hielt sie inne.

Auch Markus erschrak. So genau wusste sie also, wann sie das letzte Mal zusammen schwimmen und frühstücken waren? Könnte es sein, dass er damals einen riesigen Fehler gemacht hatte, in dem er annahm, sie würde in ihm nur den Bruder sehen? Er war ihr Trauzeuge, der Patenonkel ihrer drei Tage alten Tochter. Er war eifersüchtig, hatte wache Nächte. Warum hatte er sich damals niemandem anvertraut? War es falsch gewesen, aus Liebe zu schweigen?

Er brauchte Zeit zum Nachdenken, musste sie ablenken.

Er konnte nicht widerstehen. „Also, keine Prokura, nur eine Runde Schwimmen, unser Frühstück und ein Heiratsantrag!“ Jetzt war es endlich heraus.

„Heiratsantrag, Prokura?“ Ihre Stimme wurde ganz rau. „Markus?“

„Schlaf gut, mein Schatz, schlaf gut“. Leise und bedächtig legte er den Hörer auf. Er würde sie keinem anderen Mann mehr überlassen. Warum war sie eigentlich beschwipst und warum war sie in dieser lauen Sommernacht allein? Warum hatte er ihr nie gesagt, dass er sie liebe, immer geliebt hatte? Dass er lange genug ihr Bruder war? Damals, in einer Nacht wie dieser, hatte er beschlossen, es ihr zu sagen und hatte dann doch geschwiegen, weil sie ihm um den Hals gefallen war und ihm von Holger vorgeschwärmt hatte. Sie war so glücklich gewesen, sie hatte so gestrahlt - und war hübscher denn je. Und er, der Dummkopf, der er war, hatte geschwiegen. Aber es hätte nichts genützt, das hatte er damals gewusst. Zumindest hatte er sich das eingebildet. Dieses Mal aber würde er nicht schweigen, er würde um ihre Liebe kämpfen und er würde gewinnen.

Morgen, morgen, würden die Würfel fallen und er würde nicht nur ein reicher Mann sein, auch seine große Liebe würde endlich, endlich ihm gehören.

Mit diesem Gedanken und dem Kopfkissen im Arm schlief er ein. Morgen! Früher gehörten die Sonntagvormittage immer ihnen. Früher, das war die Zeit vor Holger. Ernst war für ein Jahr in Frankreich, er würde erst zum Abitur wiederkommen. Markus hatte das kleine Hotel eines Tages entdeckt, als er durch die Stadt schlenderte. Bestimmt war er früher schon mal daran vorbei gegangen, hatte aber nicht darauf geachtet. Aber heute blieb er vor dem Hotel stehen. In einem Schaukasten wurde u.a. das kleine Schwimmbad im Haus abgebildet.

„Schwimmen und Frühstück - lassen Sie sich verwöhnen“ stand unter dem Bild.

Er ging hinein, um sich vom Portier weitere Informationen zu holen. Dieser lächelte, er spürte die Verliebtheit des Jungen. „Schwimmen und Frühstück für zwei Personen. Vier Brötchen sowie Schinken, Käse, weichgekochtes Ei, Kaffe oder Tee für 18 DM, junger Mann, billiger kann ich es nicht machen.“

 „Achtzehn, hmm, achtzehn“ murmelte Markus. Der Portier, er hieß Adam, wie Markus gleich erfahren sollte, hatte Mitleid mit ihm. „Vielleicht reicht es ja für einmal im Monat?“, schlug er vor. Markus schüttelte betrübt den Kopf. Er stand da und rechnete. Er arbeitete zweimal nachmittags in einer Metzgerei. Putzen. Das war  anstrengend. Das Geld gab er seiner Großmutter, die ihn von ihrer kleinen Witwenrente großgezogen hatte, ohne je zu murren. „Weißt du, was?“ Herr Adam schrieb etwas auf einen Zettel, „kennst du die Autowerkstatt vorn am Eck? Da gehst du hin und sagst, du kommst von Adam.“

Und so kam Markus zu einer zusätzlichen Arbeit, und somit zu zusätzlichem Geld.  Zunächst drückte man ihm einen riesigen Besen in die Hand, um damit das Gelände zu kehren, danach musste er den ganzen Müll sortieren und entsorgen, der sich hinter der Autowerksatt angesammelt hatte. Er murrte nie und durfte so immer häufiger in der Werkstatt mithelfen. Da er nun an drei Wochentagen mittags arbeitete, musste er sonntagnachmittags lernen. Aber das machte ihm Spaß und fiel ihm leicht. Sein Körper konnte ruhen und sein Geist hatte etwas zu tun.

Der regelmäßige Aufenthalt in dem kleinen Schwimmbecken tat ihm gut. Seine Muskeln, die ihm von der harten Arbeit weh taten, entspannten sich, er bekam eine gute Figur und ein paar zusätzliche Muskeln.

Markus stand vor dem Badezimmerspiegel und rasierte sich in seinen Gedanken tief in der Vergangenheit. Sein Sonntags-Ritual fing um sieben in der Frühe an und endete um siebzehn Uhr, wenn er auf seinem Bett, mit einem Geschichtsbuch in der Hand einschlief.

Aber jetzt waren die Lehrjahre vorbei, jetzt würde er den Traum wahr machen. Den Traum von einer gemeinsamen Firma mit Petra, Ernst und Markus und 6,5 Millionen Euro.

Es war noch früh, vielleicht konnte er Ernst ja jetzt erreichen. Doch dessen Handy war ausgeschaltet. Ob Ernst vielleicht eine Freundin in Holland hatte? Sie hatten nie darüber gesprochen.

Auf die Minute genau um acht Uhr betrat er die kleine Kirche zum Heiligen Josef. Als Kind war er regelmäßig mit seiner Großmutter hierher gekommen. Später, als Jugendlicher, war er sonntagmorgens vor dem Treffen mit Petra immer allein hier gewesen.

Heute, nach so vielen Jahren, hatte der Raum noch immer dieselbe Wirkung auf ihn wie damals. Es beruhigte ihn, hier zu sitzen und über die Woche nachzudenken. Er erzählte seinem Vater von den guten und den schlechten Tagen, alles, was ihn beunruhigte und was er nicht verstand. Dabei wurde er ruhiger, bekam Ideen und manchmal löste sich ein Problem in Rauch auf. Wieso hatte er die Lösung nicht selbst gefunden, warum hier? Er hatte seinen Vater nie kennen gelernt, denn dieser starb drei Tage vor seiner Geburt. Seine Mutter hatte den plötzlichen Tod ihres Mannes nie verwunden, konnte das einzige bleibende Geschenk, das er ihr hinterließ, den Jungen, nicht annehmen. Und so wuchs er bei der Mutter seines Vaters auf. Seiner geliebten Großmutter.

Bevor er die kleine Kirche verließ, zündete er drei Kerzen an - eine für seine Mutter, eine für seine Großmutter und eine für Petra. Und wie so oft, hatte er auch heute das Gefühl, etwas geklärt zu haben, als er die Kirche verließ.

Das Leben war kein Selbstbedienungsladen und Gott kein Garant für die Erfüllung seiner Wünsche, das hatte ihm seine Großmutter nicht nur gesagt, sondern auch vorgelebt. Einmal, er war damals zehn Jahre alt, hatte er ein Erlebnis, dass ihn für immer prägte, lange Zeit Gott für ihn fassbarer machte, und ihm zwei Freunde fürs Leben beschied.

Er saß abends schluchzend auf seinem Bett. Großmutter klopfte an die offene Tür und fragte ihn leise und liebevoll, ob Trost und Rat gewünscht würde. Er hatte heftig mit dem Kopf genickt und so setzte sie sich neben ihn aufs Bett.

„Was für einen Kummer hast du denn, Markus, vielleicht kann ich dir raten?“

Markus schüttelte den Kopf, hielt sie aber fest.

„Du kannst mir nicht helfen, Großmutter, nicht mal Gott wollte mir helfen und nun ist es zu spät.“

„Für was ist es zu spät, Markus?“, die Großmutter strich ihm liebevoll die Haare aus dem Gesicht.

„Die Bande, ich wollte doch auch dazugehören, aber sie sagten, ich sei eine Memme, sie haben sich für einen anderen Jungen entschieden und er darf morgen die Mutprobe machen, nicht ich!“

„Nein, du nicht“, seine Großmutter war sehr ernst geworden. „Weißt Du, was für eine Mutprobe das ist und wer der andere Junge ist? Wenn du es weißt, musst du es mir sagen. Und auch, wer zu dieser Bande gehört.“

Markus sah mit tränenverschmiertem Gesicht zu ihr auf.

„Oma, die Mutprobe ist geheim und die Mitglieder der Bande auch. Es ist ein Geheimbund. Das ist spannend und ganz geheim.“

Die Großmutter biss sich auf die Zunge, damit Markus nicht sah, wie sie schmunzelte. „Also, ein geheimer Geheimbund und eine Mutprobe, zu der nicht du, sondern ein anderer ausgewählt wurde. Richtig?“

Markus nickte mit dem Kopf.

„Weißt du was, wir werden heute Abend für den Jungen beten,“ verkündete die Großmutter.

„Für welchen Jungen? “ Markus war empört.

„Für den Jungen, der die Mutprobe macht, damit er in Gottes Schutz steht. Ich habe ein ungutes Gefühl, Markus.“

Und damit war die Sache erledigt. Nie würde er diesen Abend und den darauffolgenden Tag vergessen. Die Großmutter hatte erklärt, dass nur Gebete erhört werden könnten, die man ernst meine, und man solle Gott nie vorschreiben, wie er was machen solle, denn vielleicht habe der ja noch eine bessere Idee, wie er helfen könne.

Sie sagte „erzähl ihm alles, was du weißt, und bitte für das Kind, das die Mutprobe bestehen soll.“

„Um was soll ich denn bitten?“

„Wir bitten um Schutz und die Führung der Kinder und um einen oder vielleicht auch zwei Freunde für Dich?“

Das Loslassen der Gedanken, das war das Schwierigste. Das hatte Markus schon begriffen, denn wie sollte Gott etwas „reparieren“, wenn wir es festhalten wollen, so hatte ihm die Großmutter einmal erklärt.

„Freunde für mich?“, Markus strahlte, „ja, kann man das?“ Mit diesem Gebetsanliegen konnte sich Markus einverstanden erklären.

Der darauf folgende Tag schien nicht enden zu wollen. Die Großmutter behauptete, sie müsse dringend in den Zoo, sie hätte dort vor zwei Wochen gehört, dass Nachwuchs bei den Löwen erwartet wurde.

„Ob wir mal nachfragen, wie es den Löwenbabys geht?“

Markus wollte zu der Zeit entweder Zoodirektor oder Tierarzt im Zoo werden. Er könne sich noch nicht festlegen, erklärte er der Großmutter immer wieder und zählte die Vor -und Nachteile der beiden Berufe auf. Bei den Tieren im Zoo vergaß Markus die Mutprobe. Die Tierpfleger kannten die Jungen mittlerweile, denn er stellte sachkundige Fragen, sprach mit Respekt von den Tieren, wollte unbedingt den Tierarzt kennen lernen, der normalerweise hinter den Kulissen arbeitete. Als der Tierarzt von einem der Tierwärter hörte, wie interessiert und begeistert Markus war, nahm er sich für den kleinen Jungen mit dem großen Herzen Zeit und beantwortete all seine Fragen. Markus war begeistert. Die Löwenbabys und deren Mutter waren natürlich noch nicht für das Publikum zu sehen. Aber wie der Zufall es wollte, kam gerade der Tierarzt über das Gelände auf das Löwenhaus zu. Er begrüßte Markus und seine Großmutter freundlich und fragte die Großmutter, ob Markus kurz mit ihm gehen dürfe. Er wolle ihm ein Geheimnis zeigen. Die Großmutter lächelte und zeigte auf eine Bank, auf der sie warten würde. Markus betrat mit dem Tierarzt den Seiteneingang mit dem großen Schild „Kein Zugang“. Drinnen war ein langer Gang, links davon befanden sich die Boxen für die Tiere, die von da aus ins Freigehege gehen konnten. Abgeschirmt von den andern Tieren lag die junge Löwenmutter im Heu. Markus konnte nur ahnen, dass das bisschen Fell, das er sah, zu den Jungen gehörte. Eigentlich sah er gar nichts. „Gehen Sie nicht rein und untersuchen die Jungen?“, fragte Markus neugierig. „Nein Markus, wir stören die Mutter und die Jungen nicht. Wir beobachten sie nur. Je weniger sie von den Menschen gestört werden, desto besser. Du bist der Erste, der einen Blick auf die Löwin und ihre Jungen werfen darf, außer Gustav, dem Pfleger. Aber auch er hält sich fern und kommt nur zum Füttern. Löwen sind keine Kuscheltiere.“

Die Großmutter saß auf der Bank, das Gesicht der Sonne zugewandt. Sie fröstelte. Sie wusste, Markus musste seinen eigenen Weg gehen, um gleichaltrige Freunde zu finden. Dabei konnte sie ihm nicht helfen, sie konnte ihn nur unterstützen. Aber wie? Die Mutprobe war doch nur der Wunsch, dazu zu gehören - gab es denn keinen anderen Weg, Freunde zu finden? Und woraus würde die Mutprobe bestehen?

An der Hand des Tierarztes kam Markus auf die Großmutter zu. Er strahlte.

Als der Zoo seine Tore schloss, fuhren sie mit dem Bus nach Hause. Zuerst dachten sie, der Stau läge am abendlichen Berufsverkehr. Markus und seine Großmutter waren so ins Gespräch über die Aufzucht der jungen Löwen in Freiheit und in der Gefangenschaft vertieft, dass sie zunächst gar nicht merkten, dass der Bus schon längere Zeit stand. Nach einer Weile gab der Busfahrer bekannt, dass es einen schweren Unfall mit der Straßenbahn an der Kurve gegeben hätte und alle an der nächsten Haltestelle aussteigen könnten.

Nichtsahnend und noch ganz erfüllt von seinem Besuch im Zoo, ging Markus an der Hand von Großmutter nach Hause. Im Treppenhaus begegnete ihnen Frau Mayer, Großmutter nannte sie den „fliegenden Reporter“, denn sie wusste die Ereignisse immer schon, bevor sie geschahen.

„Haben Sie schon gehört?“, sie wartete nicht ab, bis Großmutter fragen konnte. „Ein Junge ist in der Kurve von der Straßenbahn erfasst worden. Er ist schwer verletzt oder Schlimmeres. Die Leute sagen, er stand auf den Schienen und wartete. Aber worauf?“

Kopfschüttelnd ging sie weiter das Treppenhaus hinauf. Plötzlich blieb sie stehen und sagte vorwurfsvoll, “er muss in deinem Alter sein, Markus“. Dann schlurfte sie die letzten Treppen bis zu ihrer Wohnung rauf.

Die Großmutter blieb wie versteinert auf der Treppe stehen, eine Hand am Treppengeländer, mit der anderen Markus festhaltend. Dann ließ sie Markus los und stieg die Treppe wieder runter. „Komm“ sagte sie nur. Markus fragte nichts.

Schweigend gingen beide zur Kirche des heiligen Josef. Die Großmutter zündete eine Kerze an, und setzte sich mit Markus, der wie Espenlaub zitterte, in die zweite Bank ganz links.

„Was siehst du, Markus?“, fragte sie und zeigte auf den Seitenaltar. Markus kannte die Figuren gut. Es waren Holzfiguren, so hoch wie der Unterarm eines erwachsenen Mannes. Schlicht und einfach waren sie gearbeitet und hatten doch eine ganz besondere Ausstrahlung.

„Die heilige Familie“, flüsterte Markus und kämpfte mit den Tränen. „Vater Josef, Mutter Maria, das Kind Jesu und der Esel, sie fliehen nach Ägypten.“

„Richtig,“ bestätigte die Großmutter und weißt du, was?“

Markus schüttelte stumm den Kopf.

„Sie hatten Angst! Genau wie wir jetzt. Angst vor dem, was hinter ihnen lag und Angst vor dem, was noch kommen wird. Die heilige Familie hat viel Grausames und Schlimmes erlebt. Deshalb verstehen sie unsere Ängste und unser Grauen.“

„Und deshalb wollen sie uns beistehen?“, fragte Markus ganz leise, „meinst du, das Jesuskind ist jetzt bei dem Jungen?“

„Das glaube ich ganz fest. Wir wollen zusammen ein Vaterunser beten und denk dran, wir müssen ganz fest an das Gute glauben. Es heißt Dein Wille geschehe und der Wille Gottes ist immer das Gute, egal, was passiert. Manchmal verstehen wir erst nach Jahren, warum Gott etwas zuließ.“

Markus schloss die Augen und betete voll Inbrunst das Vaterunser. Und zum Schluss, nach dem Amen, sagte er noch einen Satz, der der Großmutter die Tränen in die Augen trieb.

„Ich weiß“, betete er weiter, „ich war sauer auf dich, ich wollte die Mutprobe bestehen. Danke, dass ich sie gar nicht erst machte. Bitte, mach den Jungen wieder gesund, bitte. Ich war wütend auf ihn, aber bitte hilf ihm.“

Die Großmutter nahm ihn in den Arm und ließ ihn weinen.

Wieder zuhause, brachte die Großmutter Markus noch eine Tasse Kakao ans Bett. „Schlaf jetzt, es ist schon spät, ich ruf noch bei Petras Eltern an und frage, ob sie etwas Genaueres wissen.“

„Das würdest Du für mich tun?“

Am nächsten Morgen beobachtete Markus die Großmutter, die sehr schweigsam war. Er hatte heute erst um zehn Uhr Schule und sie saßen zeitig beim Frühstück. Nach dem Frühstück, das ziemlich schweigsam verlief, klingelte es an der Tür.

Überrascht schaute Markus seine Großmutter an, die ihm zunickte. Er ging öffnen.

Vor der Tür standen Petra und ihre Mutter. Erstaunt ließ Markus sie ein. Markus vergaß vor Verwunderung zu grüßen, aber das schien keinem aufzufallen. Großmutter begrüßte die Gäste freundlich und bot beiden einen Platz an.

Sie sagte  „Markus, ich haben gestern Abend lange mit Petras Mutter gesprochen. Wir waren uns einig, dass das Unglück nie hätte passieren  können, wenn Ernst einen Freund gehabt hätte.“

„Es war Ernst?“, unterbrach Markus die Großmutter.

„Ja Ernst, er hatte wohl keinen Freund, deshalb ließ er sich auf die Mutprobe ein.“

„Wie geht es ihm, können wir ihn besuchen?“ Markus überlegte, was er Ernst mitbringen sollte. „Ich schenk ihm mein neues Feuerwehrauto, geht das?“ Etwas schuldbewusst schaute er zur Großmutter, wie lange hatte er gebettelt, bis er es bekam, und nun wollte er es gleich wieder weiterschenken.

„Ich glaube“, ergriff nun Petras Mutter das Wort, „was Ernst braucht, sind Freunde, wirkliche Freunde, keine Bande, bei der man erst in Lebensgefahr kommen muss, um anerkannt zu werden. Würdet ihr zwei Ernst regelmäßig besuchen? Solange er im Krankenhaus liegt, würden wir euch begleiten, danach wird er wahrscheinlich noch eine Weile zuhause im Bett bleiben müssen. Ihr könntet, wenn es ihm besser geht, zusammen die Hausaufgaben machen. Was haltet ihr davon?“

Als Ernst drei Monate später wieder in die Schule kam, waren die drei bereits gute Freunde.

Markus hatte die aufregenden Wochen nie vergessen. Bis heute nicht. Der Arzt hatte von einem Wunder gesprochen, dass das Bein wieder gerade zusammenwuchs. Zuerst hatten die Ärzte gedacht, sie müssten es abnehmen. Dann sah es so aus, als würde es steif bleiben. Aber Ernst war jung, und er hatte Freunde. Die Krankengymnastin zeigte den Kindern, welche Übungen Ernst machen musste, um bald wieder richtig laufen zu können. Bald waren sie nachmittags auf dem Krankenhausflur ein bekanntes Bild. Zuerst konzentrierten sie sich darauf, Ernst zu stützen und sein Bein richtig zu setzen, dann wurde das Einmaleins geübt. Danach setzten sie sich in die Cafeteria und teilten sich eine Cola. Auf dem Rückweg erzählte Petra vom Geschichtsunterricht.

Lange Zeit hatte Markus einen unerschütterlichen Glauben. Egal, was ihm im Leben begegnete, nach einem Besuch in der kleinen Kirche war er immer getröstet.

Auch heute mit all den Erinnerungen fühlte er sich getröstet und mutig. Der Lottogewinn hatte ihm aber auch Angst gemacht. Würde ihn Petra nach all den verlorenen Jahren, den Enttäuschungen des Lebens noch lieben können?

Noch zehn Schritte, bis sie am Hoteleingang aufeinander treffen würden. Petra kam ihm entgegen und sah umwerfend aus. Ihre Haare standen kurz und wild und rot nach allen Seiten vom Kopf ab. Der Hoteleingang lag in einer ruhigen Seitenstraße. Markus sah nur Petra, aber plötzlich spürte er eine Gefahr, drängend und präsent. Ihre ausgestreckten Hände berührten sich schon fast, ihre Augen hielten sich fest. Markus hätte nicht sagen können, warum, aber sein Instinkt war schneller als seine Gedanken oder seine Wahrnehmung. Er gab Petra einen heftigen Stoß, er sah noch, wie sich ihre Augen vor Schreck weiteten, als sie auch schon durch die offene Tür des Hotels flog.

Markus aber wurde an die Wand geschmettert und hörte den Schrei, den nicht enden wollenden Schrei, er wunderte sich noch, wer denn da so schrie. Das er selber es war, wusste und erkannte er nicht. Dann fiel er endlich in eine gnädige Ohnmacht.

Für Sekunden war es totenstill, nichts regte sich.

Und dann stand Markus neben dem Auto, das gegen die Wand des Hotels gefahren war. Plötzlich kam Leben in die Szene. Aus dem Hotel kamen die Angestellten gelaufen sowie Gäste und der Hotelbesitzer, Herr Graf. Er und der alte Portier rissen die Türen auf und gemeinsam zogen sie den bewusstlosen Fahrer vorsichtig aus dem Fahrzeug. Ein junger Mann, den Markus nicht kannte, legte den Leerlauf ein und mit Hilfe von herbeigelaufenen Passanten schob man den Sportwagen vorsichtig nach hinten.

Markus wollte auch helfen, aber irgendwie schienen ihn die Menschen nicht wahrzunehmen. Jetzt drängte sich ein Mann durch die Menge und beugte sich über den jungen Mann, den sie aus dem Fahrzeug gezogen hatten. Er schüttelte den Kopf, lagerte den Mann richtig, murmelte „Schnapsleiche“ und wandte sich dem Opfer des Unfalls zu. Markus, der mal einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert hatte, wollte helfen und beugte sich neben dem Arzt zu dem Verletzten. Und dann erschrak er ganz fürchterlich, er schaute in sein eigenes Gesicht! Erst jetzt bemerkte er die dünne Silberschnur, die ihn mit dem Daliegenden verband. Und auf einmal wusste er, was das alles zu bedeuten hatte – er war tot! Entsetzt und gleichzeitig fasziniert beobachtete er weiterhin, was um ihn herum geschah.

Und dann stand plötzlich seine Großmutter, seine geliebte Großmutter neben ihm. Er war so überrascht, dass er etwas ungehobelt fragte: “ Wo kommst Du denn her?“

Liebevoll lächelte sie ihn an. „Ach Markus, mein Lieber, es ist zu früh für Dich. Du musst wieder zurück!“

„Zurück?“ Markus verstand nicht.

Aber so plötzlich, wie sie ihm erschienen war, so plötzlich war sie auch wieder weg. Nur der schwache Geruch nach Zitrone lag noch in der Luft. Großmutters Duft.

Dann ging er zu Petra, die an der Hausmauer stand, weiß wie die Wand. Er nahm sie in die Arme, aber warum schlang sie denn nicht ihre Arme auch um ihn? Und was murmelte sie da eigentlich? Verdammt, er war doch nicht tot. Er lebte doch!

Der Notfallwagen kam, gleichzeitig die Polizei. Die Ärzte beugten sich über Markus. „Er kommt, wir haben ihn wieder“, rief plötzlich einer der Ärzte, und dann wurde Markus von etwas in seinen Körper zurückgezogen. War er nun traurig oder sollte er sich freuen? Er wusste es nicht. Großmutters Duft, ihr Lächeln…

Markus erwachte aus seiner tagelangen Bewusstlosigkeit. Völlig reglos lag er da. Er schlug die Augen auf, schloss sie aber gleich wieder. Ein grelles Licht blendete ihn. Er hörte unbekannte Stimmen, die leise miteinander redeten.

„Das ist Markus“, sagte eine junge Frauenstimme leise, „er liegt seit vier Tagen im Koma, seine Werte schwanken stark, wir wissen nicht, ob er durchkommt.“

Markus schlief wieder ein, aber es war nicht mehr der tiefe Schlaf der Bewusstlosigkeit. Als er wieder erwachte, war es hell. An seinem Bett saß Petra. Zerzaust, ungeschminkt, bleich, mit tiefen, dunklen Ringen unter den Augen.

„Petra“, flüsterte er und bewegte seine Finger auf der Bettdecke.

Sie lächelte ihn an, Tränen der Freude liefen über ihre Wangen, sie nahm vorsichtig seine Hand.

„Petra, willst Du meine Frau werden?“

Mit großen Augen sah sie ihn an.

„Ja“, sagte sie mit fester Stimme. Dann lachte sie und  rief: ,Ja,ja,ja!“

Die Tür wurde aufgerissen und der Doktor kam herein.

„Na, wieder wach?“ Liebevoll schaute er auf die zwei Menschen, die noch gar nicht begriffen hatten, wie haarscharf Markus dem Tode entronnen war.

 „Wir werden heiraten“, flüsterte Markus, noch ganz benommen von dem Ja.

„Heiraten? So, so, da gratuliere ich auch recht herzlich, aber ich glaube, ihr solltet vorher noch ein paar Dinge wissen.“

„Was denn?“, fragend schaute Markus den Doktor an.

„Ihr Körper hat einen schweren Schock erlitten und Sie haben schwere innere Verletzungen. Sie brauchen noch viel Ruhe. Vor vier Tagen erst waren Sie für ein paar Sekunden tot. Wir müssen noch...“

„Vier Tage? Moment, wollen Sie damit sagen, ich liege seit vier Tagen hier?“ 

„Ja. Wenn es Ihnen besser geht und die Schwellungen und schweren Prellungen innen und außen zurückgegangen sind, müssen wir noch ein paar Tests und Untersuchungen machen. Im Moment...“

„Warum bin ich so müde?“ fragte Markus.

„Wissen Sie eigentlich, was passiert ist?“, der Arzt schaute fragend zu Petra. Diese schüttelte den Kopf.

„Wir haben, wir waren...“, hilflos sah sie zu Markus. Dieser war mit einem Lächeln auf den Lippen eingeschlafen. Leise verließen sie den Raum.

„Lassen wir ihn schlafen, er wird seine ganze Kraft und Energie brauchen, um gesund zu werden.“

Markus schlief zweiunddreißig Stunden tief und fest. Als er wieder erwachte, war er allein im Zimmer. Maschinen überwachten ihn, gaben ihm Flüssigkeit, langsam erinnerte er sich. Zuerst etwas verschwommen, dann immer deutlicher. Zuerst Petra. Hatte er ihr wirklich einen Antrag gemacht und sie hatte angenommen? Wie viel Zeit hatten sie vergeudet! Das kleine Hotel, der Unfall, und… er konnte sich genau daran erinnern, dass er außerhalb seines Körpers gewesen war.

„Herr Lieblich, hören sie mich?“ ein fremdes Gesicht beugte sich über ihn. „Ich bin Dr. Kutter, die Stationsärztin. Ich werde Sie von nun an betreuen. Dr. Frum ist vierzehn Tage im Urlaub. Wollen doch mal sehen, ob wir ihn überraschen können, wenn er zurückkommt.“

„Überraschen?“

„Ja“, sie lachte ihn fröhlich an, „wir haben Ihnen in den letzten 14 Tagen viele Schmerzmittel verabreicht, damit Ihr Körper sich erholen konnte, die inneren und äußeren Schwellungen sind fast abgeklungen.“

„14 Tage? Petra?“

„Ihre Petra war jeden Tag da. Wissen Sie, dass sie sich in einer ihrer kurzen Wachphasen verlobt haben? Und… wissen Sie auch noch, das Sie ihr eine Generalvollmacht unterschrieben haben? Erst danach wurden Sie ruhig und schliefen mit kurzen Unterbrechungen ihrer Genesung entgegen.“

Markus überlegte angestrengt, was denn nur so wichtig gewesen war. Jetzt fiel es ihm wieder ein. Er versuchte ein Lächeln.

„Wann kommt Petra immer?“

„Sie kommt um zwei, und wenn Sie sich beeilen, sind Sie schon wieder in Ihrem Zimmer, bis sie kommt. Wir beginnen heute noch mit den gründlichen Untersuchungen und wenn alles in Ordnung ist, werden Sie in den nächsten Tagen in ein Einzelzimmer auf die Innere verlegt. Die Schmerzmittel wurden schon reduziert, Sie werden jetzt nicht mehr so viel schlafen. Nach den ersten Untersuchungen gegen 10:00 Uhr dürfen Sie auch etwas essen und trinken. Aber langsam, Schnitzel mit Pommes, das dauert noch etwas.“

„Danke, Frau Doktor. Ich glaube, ich habe Ihnen und Dr. Frum mein Leben zu verdanken.“

Die Ärztin legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte ganz ernst, „ich glaube, da müssen Sie sich bei Ihrem Schutzengel und bei Gott bedanken. Wir machten nur den Rest.“

Bevor Markus etwas erwidern konnte, öffnete sich die Tür und zwei Pfleger schoben  Markus samt Bett zu den Untersuchungen.

Als er um 14.30 Uhr erledigt und müde auf die Intensivstation zurückkam, wartete keine Petra auf ihn. Die Untersuchungen hatten viel länger gedauert als geplant. Notfälle hatten Vorrang. So wie er vor... wie vielen Tagen?, die Ärztin hatte es ihm doch gesagt. Jetzt fiel es ihm wieder ein. Vierzehn Tage! Er hatte sich mit Petra zum Frühstück in ihrem Hotel treffen wollen. Der Unfall… Was war eigentlich mit dem Fahrer, war er auch so schwer verletzt, oder gar?.... Was wollte er Petra damals eigentlich sagen? Jetzt fiel es ihm wieder ein. Der Lottogewinn, 6,5 Millionen Euro!

Die Tür ging auf und eine Schwester kam mit einem Tablett herein.

„So, die erste Mahlzeit, wieder zum selbst essen, schlucken und schmecken. Das steigert sich, versprochen, aber wir fangen langsam mit einer Suppe an.“

Sie stellte das Kopfteil von Markus Bett hoch. „Schwindelig?“ fragte sie besorgt. Markus schüttelte vorsichtig den Kopf.

„War Petra heute schon da? Ich kam erst spät von den Untersuchungen zurück, ist sie wieder gegangen?“

„Nein, ich weiß nicht, ich habe sie nicht gesehen. Ich frage nachher die Kolleginnen. Aber jetzt müssen Sie essen, sonst verlernen Sie das noch.“

Markus aß seine Suppe, schlief dann aber mit dem Löffel in der Hand ein. Als er erwachte, saß Ernst an seinem Bett.

„Mensch, was machst du denn für Sachen?“, begrüßte ihn sein Freund. „Ich war drei Wochen in Holland und kam gestern nach Hause. Wollte dich anrufen, aber da traf ich Petra, die mir erzählte, was passiert ist. Wie geht es dir denn jetzt?“

Markus grinste seinen Freund an. Er deutete mit dem Kinn auf den leeren Teller und den Löffel auf der Bettdecke.

„Meine erste Mahlzeit, du siehst, es geht aufwärts, ich bin während des Essens eingeschlafen. Aber danke, mir geht‘s blendend.“

Ernst merkte, dass Markus nicht erzählen wollte. So erzählte er von Holland und dem guten Geschäftsabschluss.

„Ernst“?, Markus setzte sich im Bett auf, „Ernst, hör zu, es ist etwas passiert. Ich  weiß aber nicht genau, was. Kannst du das bitte für mich herausfinden? Als der Unfall passierte, war ich mit Petra im Hotel zum armen Ritter verabredet, wie früher. Du weißt schon“.

Ernst nickte.

„Ich wollte ihr sagen, dass wir – also Du und ich - ein Geschäft gründen werden und sie zur Prokuristin ernennen wollen. Die Firma, von der wir schon so lange träumen. Ernst, du weißt es ja noch gar nicht, ich habe gewonnen.“

„Was hast du gewonnen?“ fragend schaute Ernst Markus an.

„6,5 Millionen Euro, Ernst, 6,5 Millionen!!“ Erschöpft ließ sich Markus in die Kissen sinken.

Ernst fing an zu grinsen. „Das ist jetzt nicht wahr.“

„Doch!“

„Und wie ging es weiter?“

„Wir haben uns verlobt, hier im Krankenhaus und ich habe ihr eine Vollmacht ausgestellt, damit das Geld auf mein Konto kommt und sie Geld abheben kann.“

„Du hast ihr sozusagen eine Prokura für dein Privatleben ausgestellt, das ist doch in Ordnung, du vertraust ihr, ich vertrau ihr, wir wollen...“

„Darum geht es nicht“, unterbrach in Markus. „Ich erreiche sie nicht, sie war heute zum ersten Mal nicht hier. Ich habe so ein seltsames Gefühl, Ernst, irgendetwas stimmt da nicht.“

Ernst schaute ratlos. „du meinst aber nicht, dass sie mit dem Geld“....

„Nein, nein, ich weiß nicht, was es ist, sie war doch mit diesem Mr. Seltsam zusammen. Dauernd muss ich an den denken. Irgendwas stimmt nicht, du musst nachschauen, Ernst. In ihrer und in meiner Wohnung, sie hat meinen Schlüssel. Ich schwör dir, da ist etwas passiert.“

„Du hast 6,5 Millionen gewonnen und einen Tag später wirst du fast getötet? Das ist ja nicht zu fassen. Das muss ich erst mal verarbeiten.“

Markus war von dem langen Gespräch und den Sorgen ganz erschöpft.

„Ich komme heute Nachmittag noch mal vorbei, ruh dich erst einmal aus, das wird schon wieder.“ Ernst ging Richtung Tür. „Das ist bestimmt ganz harmlos. Vielleicht sitzt sie mit Lockenwicklern im Haar beim Frisör, da hört man kein Handy.“

Die Freunde lächelten sich an, aber bei keinem erreichte das Lächeln die Augen. Ernst verließ den Raum.

„Ernst!“

Ernst öffnete nochmals die Tür. „Ja.“

„Petra hat jetzt wild zerzauste, rote, streichholzlange Haare!“

Als Ernst in die Straße einbog, in der Markus wohnte, sah er eine junge Frau in Begleitung eines Mannes aus dem Haus kommen. Der Mann hielt die Frau an sich gepresst und ließ sie auf der Beifahrerseite in ein Auto einsteigen. Die Haare der Frau standen kurz und senkrecht und kupferrot vom Kopf ab. Das musste Petra sein. Ernst beschloss, den beiden zu folgen. Als klar war, dass sie Richtung Flughafen fuhren, rief er bei der Polizei an.

Einen Tag später war in der Zeitung zu lesen: Entführung und Millionenraub endete vor dem Flughafengebäude.

Markus ließ die Zeitung sinken. Gott sei Dank war Petra nichts geschehen.

Wie er vermutet hatte, hatte sie sich Arnold anvertraut.

„Ich brauchte jemanden zum Reden,“ versuchte sie sich Markus gegenüber zu rechtfertigen. „Du bist immer gleich eingeschlafen, meine Freundin Barbara ist in Übersee und Ernst war auch nicht da. Ich habe Arnold noch ein paar Sachen aus meiner Wohnung gebracht, wir haben uns im Café getroffen. Da habe ich ihm von dem Geld erzählt. Ich weiß, das war dumm, aber ich habe mich so gefreut. Er hat mich dann gezwungen, einen Teil des Geldes abzuheben und wollte mit mir ins Ausland. Mit einer Pistole im Rücken wird Geld auf einmal ganz unwichtig. Ich hoffte immer, die Bankangestellten würden etwas merken. Aber die dachten, ich wäre so aufgeregt wegen des Geldes. Oh mein Gott, was für ein Durcheinander!“

Markus glaubte ihr. Sie standen am Anfang einer neuen Beziehung, sie würden gemeinsam mit Ernst eine Firma gründen, seit Jahren schon geplant, geprüft und durchdacht. Aber erst einmal würden sie sechs Wochen Urlaub in Spanien machen. Auf einem Campingplatz ganz im Süden am Meer. So, wie sie auch das schon bereits in der Schule geplant hatten. Nur trampen müssten sie jetzt nicht mehr. Das Wohnmobil, das auch ihn ihren verwegenen Träumen von damals vorkam, würde sie nach Südspanien bringen. Es würde sich halt nur um ein neueres Modell handeln.

Als Markus aus dem Krankenhaus entlassen wurde, holte Ernst ihn ab.

„Oh Gott, Markus, du siehst besch....bescheiden aus. Der Urlaub wird Dir bestimmt gut tun. Denk einfach nicht an das, was kommt, das wird sich alles fügen. Unsere Pläne sind gut.“

Markus nickte, seine Gedanken waren ganz woanders.

„Ich muss noch wohin, biegst du da vorn bitte ab und dann links.“

Ernst tat, worum Markus ihn bat.

„Hier kannst du halten, ja, hier vor der Kirche. Bist du bitte so lieb und bringst schon mal meine Sachen nach Hause? Ich komme zu Fuß nach, ist ja nicht weit. Ich muss mich nur noch bei jemandem bedanken.“

                   Ende

 

Im Herbst des Lebens         

Elsa stand am Fenster und starrte in den Regen. Nach einem herrlichen September und einem fast sommerlichen Oktober brachte der November den Regen und die Kälte. In einer Nacht nur war der Baum vor ihrem Wohnzimmerfenster seiner ganzen rot-gelben Pracht beraubt worden. Die Äste, die ihr leuchtendes Herbstkleid vor zwei Tagen noch der Sonne entgegenhielten, streckten ihre Zweige nun kahl und wie hilfesuchend dem Himmel entgegen. Die ganze Nacht hatte ein Sturm gewütet, war um das Haus getanzt, brachte die Kälte und die erste Ahnung von einem frühen strengen Winter.

Minz und Maunz, die beiden Katzen, suchten Schutz und Wärme in Elsas Bett, auch ihnen war der Wetterumschwung unheimlich.

Auf der nahen Autobahn gab es einen lauten Knall, ein paar Minuten später hörte man zwischen dem Brausen und Sausen des Sturmes die Rettungsfahrzeuge - die Sirenen heulten, wurden nicht leiser, entfernten sich lange nicht.

Elsa stand auf und schaute aus dem Fenster. Draußen war es stockdunkel, sie hörte den Regen auf den Asphalt klatschen, der Wind heulte, die Nacht war undurchdringlich. Sie war in Gedanken bei den Menschen auf der Autobahn. Sie betete für die Beteiligten, mehr konnte sie nicht tun. Sie spürte in sich den Drang, hinaus zu gehen, hinaus in das Chaos der Natur. Sie würde sich darin verlieren.

Aber vielleicht, dachte sie, würde sie da draußen ja ihr eigenes Chaos verlieren? Vielleicht würde der Wind dieses Chaos das in ihrem Inneren herrschte mitnehmen, wie auch all die Blätter ihres Baumes? Ein Blitz erhellte das Zimmer, ein gewaltiger Donner folgte.

„Mama, wo bist du, Mama?“

Elsa drehte sich langsam um, kam wieder in die Realität zurück. Sven stand an ihrem Bett und tastete suchend nach ihr.

„Ich bin hier, Sven, hier am Fenster.“

Sven kam zu ihr, umschloss sie mit seinen Armen, drückte seinen Kopf gegen ihren Hals, er war bald so groß wie sie. Seine Hand glitt über ihr Gesicht, „Mama, du weinst ja, hast du Angst vor dem Gewitter? Du weinst doch nie.“

Sven hielt seine Mutter fest umschlungen.

Elsa hatte nicht gemerkt, dass sie weinte, sie drückte sich fest an ihren Sohn. Die Sirenen waren verstummt. Das Wüten des Sturmes hatte nachgelassen, die Straße war voller Zweige und Äste. Der Sturm in Elsas Herzen aber wütete weiter. Würde sie je wieder Ruhe und Gelassenheit finden? Die Dinge so nehmen, wie sie kamen? Sie konnte sich gegen das Schicksal nicht auflehnen. Sie konnte es nicht besser wissen wie Gott. Ihr Verstand akzeptierte, ihr Herz rebellierte. Seit Anbeginn der Menschheit kämpften die Menschen mit den Naturgewalten, wollten Gott vorschreiben, was gut für sie wäre, und welchen Kelch er am besten an ihnen vorübergehen lassen sollte.

Ihr Herz war so schwer, sie sehnte sich nach Geborgenheit und Liebe.

Er, der ihr diese zwei Dinge zwanzig Jahre lang geschenkt hatte, war fort. Fort für immer, und doch spürte sie, dass es ihm jetzt besser ging. Dort, wo er jetzt war, war er geborgen und er war gesund. Aber er ging allein, er ging viel zu früh.

Ihr Verstand ließ ihn ziehen, ihr Herz weinte. Nach außen aber spielte sie die starke Frau.

Er ließ sie zurück, allein und einsam. Die letzten zwei Jahre waren die Hölle gewesen, obwohl alle fanden, sie halte sich gut. Ihren Kindern und all ihren Freunden hatte sie immer zu vermitteln versucht, es ginge ihm jetzt gut, also gehe es ihr selbst auch gut. Aber das stimmte nicht! Ihr ging es nicht gut! Ihr fehlten die Gespräche, ihr fehlten die Kabbeleien, die Auseinandersetzungen. Ihr fehlten die Blicke des wortlosen Verstehens, die schweigsamen Spaziergänge und die Nähe, die sie dabei spürten. Die Verbundenheit mit der Natur, das schweigende Staunen beim Anblick eines ihrer Lieblingsbäume. Und ihr fehlten die  wortlosen Liebesbezeugungen, wenn ihre Augen sich trafen.

Ohne ihn wurde sie plötzlich zu einem ganz anderen Menschen. Als er noch da war, war sie immer kontaktfreudig gewesen. Sie war viel unterwegs, sie war gesellig. Und jetzt? Sie zog sich immer mehr zurück, ihr Bekanntenkreis wurde immer kleiner. Die engsten Freundinnen verstanden sie, ließen ihr Zeit, drängten sie nicht, riefen immer wieder an, waren da, wenn sie bereit war, mit ihnen zu sprechen. Und ihre Kinder brauchten sie doch noch, sie musste für sie da sein. Nein, sie wollte keine alte verbitterte Frau werden. Eines Tages würde sie schon einen Weg finden, weiterleben zu können, ohne zu leiden. Schließlich waren ihre Kinder an der Schwelle des Loslassens, des Erwachsenwerdens. Aber danach würde sie allein sein – an der Schwelle des Alters und allein.

Aber noch war es nicht soweit, sie malte nur in diesen dunklen Stunden ihres Lebens dunkle Bilder. Noch hatte sie ja ihre Kinder. Sven hielt sie immer noch in seinen Armen.

„Danke, mein Lieber, das hat gut getan, jetzt geht es mir besser“ zärtlich strich sie ihrem Jüngsten über die Haare. „Das Unwetter ist vorbei, schlaf schnell wieder ein.“

„Wieder gut, Mama?“

„Mir geht es gut, danke mein Schatz, schlaf schön.“

„Mama?“

„Was ist denn, Sven? Gib jetzt Ruhe, bitte.“

„Der Papa fehlt dir, stimmt´s?“

„Stimmt.“

„Ich hab dich lieb Mama, und Paul auch. Gute Nacht.“

Elsa kuschelte sich wieder ins Bett, draußen war es ruhiger geworden, es regnete nur noch ganz sacht.

Minz und Maunz kuschelten sich an ihre Füße. Dann kroch Minz hoch, legte sich auf Elsas Bauch, drehte ein paar Kreise, ließ sich dann wieder fallen und schaute sie  prüfend an.

„Gute Nacht, ihr Zwei, danke, dass ihr bei mir schlaft.“ Elsa streichelte Minz, die sofort laut zu schnurren anfing. Beruhigt, ein Lebewesen bei sich zu haben, schlief Elsa wieder ein.

Sie träumte.

Sie stand vor einem wunderschönen Haus.

Es war das Haus, das ihr Mann vor vielen Jahren entworfen hatte, dessen Bau er aber nie realisieren konnte. In ihrem Traum aber stand es jetzt da, mit dem breiten Balkon, der um das ganze Haus ging, mit den großen Fenstern, die fast die ganze Front einnahmen. Imposant, dachte Elsa, genau, wie er es sich immer gewünscht hatte. Sie spürte seine Anwesenheit, konnte ihn aber nicht sehen. Doch sie spürte, dass es ihm gut ging.

Schweißgebadet wachte sie auf. Ihr war heiß, sie deckte sich auf, drehte sich auf die andere Seite, das Protestmiauen zweier aus dem Schlaf gerissenen Katzen erschreckte sie.

Er lebte sein Leben jetzt in einer anderen Welt, ohne sie.

Sie musste noch bleiben, ihre Aufgabe hier war noch nicht beendet.

Sie dachte an ihren letzten gemeinsamen Tag, ihren zwanzigsten Hochzeitstag. Er war sehr krank gewesen, war gerade erst aus der Klinik nach Hause gekommen. Sie waren so glücklich gewesen. Sie würden es schaffen, sie hatten es schon so oft geschafft.

Aber dieses Mal hatte er es nicht geschafft. Dieses Mal nicht.

Und dann war er plötzlich weg es ging so schnell.

Die Einsamkeit hatte wie eine große Welle über ihr zusammengeschlagen.

Meine Güte, wie viele schlaflose Nächte hatte sie gehabt? Doch sie hatte es geschafft. Wieder einmal geschafft, obwohl sie nachts kein tiefes Atmen eines Familienmitgliedes mehr hörte, das sie beruhigte. Aber sie hörte das Atmen der Tiere. Ihre Tiere spürten ihre Einsamkeit, hatten sogar geheim einen  Waffenstillstand geschlossen. Denn nun kamen Hund und Katzen in der Nacht, wenn sie eingeschlafen war, beide zu ihr ins Bett, um sich morgens beim Erwachen völlig erstaunt anzuschauen. Wie hatte das geschehen können, zusammen im verbotenen Bereich zu erwachen?

Plötzlich waren die Tage auch angefüllt mit Terminen. Ihr erstes Buch, kam auf den Markt und erforderte ihre ganze Aufmerksamkeit.

Bei Lesungen lernte sie neue, nette Menschen kennen. Verabredungen wurden getroffen. Ihr Leben bekam ganz langsam wieder einen Sinn.

So nach und nach gelang es ihr, die neuen Freiheiten zu genießen. Und sie erkannte, dass es gar nicht so schlecht war, jetzt mal frei zu sein von familiären Bindungen. Die Einsamkeit, die sie zunächst gelähmt hatte, existierte plötzlich nicht mehr. Freundschaften, die sie in den letzten Jahren verloren hatte, wurden durch neue Freundschaften ersetzt und jetzt hatte sie auch die Zeit, sie zu pflegen.

Die Karten ihres Lebens wurden neu gemischt, ein neues Spiel begann.

Nein, sie war noch nicht alt. Ihr Leben war bunt und neu. Sicher, der Herbst ihres Lebens hatte begonnen, aber er versprach bunt, fassettenreich warm an Gefühlen und spannend zu werden.

Als sie dann so weit war, über ihre Gefühle zu reden, bekam sie viele Rückmeldungen von den unterschiedlichsten Frauen. Frauen zwischen 50 und 70, die - wie sie – gelernt hatten, loszulassen und die ein neues, sinnvolles Lebenskonzept gesucht und gefunden hatten. Diese Gemeinschaft der Frauen tat ihr gut und Elsa fand neue Ziele, neue Sichtweisen und begriff, dass sie das Leben an sich und die Menschen nur dann verstehen konnte, wenn sie auch einen Teil von sich selbst preisgab.

All die Frauen, die sie bei Lesungen in Kirchengemeinden und Bürgertreffs kennen lernte, hatten „ihr“ Leben gelebt. Und keines war wie das andere. Jedes Schicksal barg Schönes, Trauriges, Sinnvolles, manchmal Tragisches. Sie war fasziniert davon, wie andere Frauen damit umgingen, welche Lehren sie daraus zogen. So verschieden die Schicksale waren, so verschieden war auch der Umgang mit Wut, Trauer, Freud und Glück.

Elsa erkannte mittlerweile, wann sie bereit war, auf andere Menschen zuzugehen. Wann sie sich und anderen die Möglichkeit bot, zu wachsen, zu lernen, zu geben und zu nehmen.

Die Ängste ihrer Mutter konnte sie erst jetzt nachvollziehen. Denn auch ihre Mutter hatte lernen müssen, loszulassen, vor allem aber, ihre Kinder ziehen lassen zu müssen. Hatte Sie vielleicht der Tod ihres Mannes und später der ihrer erstgeborenen Tochter sie in die Demenz getrieben? War die Krankheit für sie vielleicht ein Schutz gewesen, mit der Einsamkeit umzugehen?

Elsa hatte viel nachzudenken.

Im Sommer des Lebens denkt man ab und zu an den Herbst.

An das erste graue Haar, die erste Linie im Gesicht, die zu einer Falte wird. Aber noch „steht man mitten im Leben“!

Ein leiser kühler Wind treibt die bunten Blätter der Bäume vor sich her, sie tanzen und wirbeln umher, die Sonne lässt ihre Farben leuchten.

Herbst des Lebens!

                                                                       Ende

 

                          Es ist nicht zu fassen, hör` zu

Es ist nicht zu fassen, hör zu: Ich lese Dir einen Zeitungsartikel vom Freitag vor. Geschehen ist das Ganze am Donnerstagabend, Anfang Februar 2008.

 

Renningen: Raubüberfall rasch aufgeklärt.

ein Raubüberfall auf den CAP-Lebensmittelmarkt in der Malmsheimer Ortsmitte ist am Ende kläglich gescheitert. Die zwei mutmaßlichen Täter, zwei zwanzigjährige Burschen aus Malmsheim und Weissach, stellen sich zwei Stunden nach der Tat der Polizei. Ein Raubopfer hatte einen der Täter wiedererkannt und die Polizei auf die Spur des Duos gebracht. Wie die Polizei berichtete, wurde ein 28 Jahre alter Mitarbeiter des Supermarkts am Donnerstag gegen 20 Uhr kurz vor Feierabend im Keller des Ladens von zwei vermummten Tätern erwartet. Mit einer Pistole und einem Messer bewaffnet, zwangen sie den Mitarbeiter in den Verkaufsraum zurück, wo die mit weißen Overalls und Staubmasken verkleideten Täter noch zwei weitere Verkäuferinnen bedrohten. Das Räuberduo hatte wohl nicht mit der Nervenstärke eines der Opfer gerechnet, welcher sich in aller Ruhe einen der Täter ansah und hinter der Maskerade einen Kunden entdeckte. Die Polizei ging direkt zum Elternhaus der Täter. Zunächst bestritten sie die Tat, verwickelten sich aber zunehmend in Widersprüche und durften die Nacht in einer Zelle zubringen. Am nächsten Morgen gestand dann einer der Heranwachsenden die Tat. Bei Wohnungsdurchsuchungen tauchte nicht nur das gestohlene Geld, sondern auch die mutmaßlichen Tatwaffen und die Maskeraden auf. Die beiden jungen Männer sind wegen diverser Diebstahlsdelikte, Körperverletzungen und Sachbeschädigungen bekannt. Ein Haftrichter hat die beiden gestern Nachmittag in Untersuchungshaft geschickt.

Bei dem Mitarbeiter und Opfer handelte es sich um meinen Sohn Michael.

Als ich aufgehört hatte zu zittern, schrieb ich am Dienstag, 5. Februar 2008, folgenden Leserbrief an die Leonberger Zeitung zum Raubüberfall im CAP-Lebensmittelmarkt am 31.01.2008:

Ich finde die Idee der CAP- Lebensmittelmärkte große Klasse. Hier finden Menschen auf dem „normalen“ Arbeitsmarkt einen Platz, den sie ausfüllen können. Sie kämpfen um Gleichstellung und „stehen“ ihren Mann bzw. Frau. Meine Freundinnen und ich erleben alle von ihnen in drei verschiedenen Märkten als freundliche und kompetente Fachkräfte. Ihre Handicaps kaschieren sie den Kunden gegenüber mit Freundlichkeit und Aufmerksamkeit. Die CAP-Märkte sind so eine Art „Tante-Elsa-Läden“, die nicht nur von  so vielen älteren Kunden, sondern mittlerweile auch von jungen Frauen mit ihren Kleinkindern vermisst werden. Hier ist man nicht nur Fremdling, hier wird man noch oft mit Namen angesprochen und freundlich bedient. 

Nicht nur ich finde diese Märkte klasse und es ist eine große Schande, dass Mitarbeiter der Malmsheimer Filiale schon das zweite Mal überfallen wurden. Ich habe mich über den mutigen Einsatz der Mitarbeiter gefreut.

Eine zufriedene CAP-Kundin

Ich bin stolz auf unseren Sohn Michael!!

                                                           Ende

 

Zwischentöne

 

Mark ist fast blind, bzw. blind mit Sehrest.

Auf jeden Fall fand ich ihn immer lustig mit seiner tiefen Stimme und seinem Schriftdeutsch. Er war immer tadellos gekleidet, 190 cm groß und hatte eine gute, schlanke Figur. Seinen Arbeitsplatz hatte er bei einer Behörde und wenn er etwas erzählte, war er nicht zu bremsen. Er wollte einfach nur seine Gedanken loswerden, einen Kommentar dazu wollte er nicht. Ein wenig schwierig war er immer schon, was vielleicht auch daran lag, dass er keine Freundin hatte? 

Alle paar Wochen rief er mich an und erzählte seine unverdauten Erlebnisse, erzählte von Kollegen und Kolleginnen, von seinem Vater und seiner Schwester. Mit einer Engelsgeduld hörte ich jedes Mal zu, hielt aber mit Ratschlägen zurück, da diese ja eh nicht erwünscht waren.

Fast zwei Jahre hatte ich nichts mehr von ihm gehört. Du warst fort, auch für Markus F. Doch eines Tages rief er wieder an und erzählte — es war, als hätte es die zwei Jahre Pause für ihn nicht gegeben. Er fragte auch nicht nach, ob der Anruf denn nun passe oder nicht, oh nein – als ich mich meldete, ratterte er gleich los. Da ich seine tiefe Stimme und seine Art, zu reden, mochte, hörte ich zu. Und erkannte, dass es ein Hilferuf war. Stimmt, einfach ist es nicht, Hilferufe zu erkennen – vor allem nicht, wenn der Anrufer am andere Ende der Leitung erzählt, dass alles bestens läuft und nur die bösen Nachbarn einen nicht glücklich leben lassen wollen. Das man keine Arbeit mehr hat, weil die Stelle wegrationalisiert wurde, was für einen fast Blinden ein klares „Aus“ ist.

Dieses Telefonat war der Anfang vom Ende.

Halb angefangene Sätze wie“…als vor einem Jahr Susi aufhörte, bei mir zu putzen“

oder “da waren welche, die sind einfach mit mir nach Hause gekommen und haben alles, was im Kleiderschrank war. aufs Bett geworfen, seither find ich nichts mehr…“, gaben mir zu denken und deshalb fragte ich „wann war das denn?“

„Mindestens vor einem halben Jahr.“

So langsam dämmerte es mir: ein Drama. Ich rief Freunde von damals an und fragte sie nach Mark.

„Der Mark, dem geht’s beschissen, er blockt alle ab, verkommt, trinkt.“

„Aha und weiter“?

„Nichts weiter. Wenn jemand etwas sagt wegen seines Outfits oder der Notwendigkeit eines Badbesuches, wird er laut und aggressiv. Es haben einige versucht, ihm zu helfen. Aber...“

Ich musste mir was einfallen lassen, musste aber mit Vorsicht vorgehen, das war mir klar.

Als Mark das nächste Mal anrief, erklärte ich ihm bestimmt, dass sich vom Jammern allein keine Wohnung aufräume und sie auch nicht sauber werden würde. Und wenn die Nachbarn so komisch seien, hätten sie vielleicht auch einen Grund dazu. Er brauche vielleicht nur jemanden, der beim Putzen und Aufräumen helfen würde und der sich regelmäßig um ihn kümmere?

Ich sagte ihm: „Ich habe eine Freundin, die hilft dir bestimmt. Ich kann ja mal mit ihr reden. Sie hat auch Kinder und eins davon ist behindert, du brauchst dir also nichts dabei zu denken. Und wenn dann alles wieder ordentlich ist, freust du dich. Und die Nachbarn werden ganz bestimmt auch freundlicher, wenn du dich an gewisse Regeln hältst“.

So, endlich war’s mal raus, endlich hatte ich mal das gesagt, was ich schon lange sagen wollte. Puh! Du kannst wieder Luft holen, dachte ich. Und war total erstaunt, als Mark zusagte. Und so standen meine putzwillige Freundin und ich am nächsten Morgen um halb neun vor seiner Tür, bewaffnet mit Putzeimer und Wischmob. Geöffnet wurde uns von einem verschlafenen, sehr schlecht gelauntem Mark. Er sah aus, als hätte er eine Woche unter den Brücken des Neckars verbracht. Die Wohnung aber sah noch schlimmer aus als er, und ich dachte immer, mich haut nichts mehr um auf dieser Welt!

Der Boden im Flur war übersät mit Papieren (Post der letzten drei Jahre), Kleidungsstücken und Flaschen.

Und bei einem kurzen Blick in Küche und Bad dachte ich, wir hätten keinen Mischmob, sondern einen Spachtel mitbringen sollen. Oh du lieber Gott!

Ich riß mich zusammen.

„Wir sortieren erst mal, was auf dem Boden liegt. Die Papiere müssen wir aber zusammen durchsehen, Mark.“

Nach zehn Minuten reichte es ihm schon, er wollte uns rauswerfen.

Da verließ mich die Geduld.

„Wenn Du uns jetzt rauswirfst, Mark, gehe ich schnurstacks zur Polizei. So kann und darf man nicht leben. Auch du nicht!“

Wir flogen trotzdem raus.

Die Polizei schickte mich zu einem Amt, wo man mir versprach, sich um die Sache zu kümmern. Zwei Tage später rief ein junger Mann vom Gesundheitsamt an und beruhigte mich mit den Worten, man sei Kummer gewöhnt.

Tage später telefonierten wir wieder.

„Diese Wohnung hätte ich nur mit Schutzkleidung betreten, aber wir hatten eh keine Chance. Er warf uns sofort wieder raus, bevor wir überhaupt mit ihm sprechen konnten. Aber ich habe genug gesehen. Ich habe mich erkundigt. Bei der Wohnung handelt es sich um eine Eigentumswohnung. Der Mann hat einen amtlichen Betreuer, aber auch der fliegt regelmäßig aus der Wohnung, sobald er sie betreten hat. Der Betreuer hat bereits beim zuständigen Gericht um Hilfe gebeten, doch der Richter meinte, es sei jedermanns eigene Sache, wie man lebe.“

„Markus lebt nicht, er vegetiert“, schimpfte ich.

„Danke, dass Sie sich gekümmert und es versucht haben.“ 

Ich war mir sicher, dass Markus jetzt sauer auf mich sein und sich ganz sicher nicht wieder bei mir melden würde. Aber warum hatte ich so ein schlechtes Gewissen? Und stimmte es, konnte man manchen Menschen wirklich nicht helfen?

Markus rief aber wieder an, er hatte die neuen Schlüssel verloren. Drei Stück, die er  vor noch nicht mal einer Woche hatte nachmachen lassen. Alle an einem Bund, um sie nicht zu verlieren. Und doch waren sie jetzt weg.

„Da musst du durch und wohl noch mal neue beantragen“, riet ich ihm. „Du weißt ja jetzt, wie‘s geht.“ Humor ist,  wenn man trotzdem lacht.

Ich dachte, da er ja jetzt wieder angerufen hatte, würde er wohl nicht mehr beleidigt sein, dass ich ihm quasi das Gesundheitsamt auf den Hals gehetzt hatte. Und ich nahm mir vor, Mark ab sofort auch hin und wieder anzurufen.

Als ich diesen Vorsatz wenige Tage später in die Tat umsetze, fuhr er mich sofort an „was willst du?“, in einem Ton, der Elefanten rückwärts gehen lassen würde. Danach rief ich nicht mehr an, hatte wohl doch keine Elefantenhaut. Doch irgend wann fielen mir die Menschen ein, die in der Zeitung erwähnt werden. Menschen, die tot in ihrer Wohnung lagen, aber von niemandem vermisst wurden. Und erst dann gefunden wurden, wenn Nachbarn den „komischen“ Geruch meldeten. Klar, allen Menschen auf der Welt kann man nicht helfen. Wenn sich aber belastete Menschen selbst überlassen bleiben, man ihnen nicht helfen kann oder darf, dann ist das doch ganz schön bitter, oder? 

Was hättest Du getan?

 

Zwei Jahre später:

Mark lebt jetzt in einem geschützten Wohnprojekt und wird gut versorgt.

Es gibt Menschen die sich um ihn kümmern. Er war wohl so „weit unten“, dass er die Hand die ihm gereicht wurde, endlich annehmen konnte.

Gott sei Dank.

 

                                                                      Ende

 

Bei guter Resonanz geht`s weiter.

 

Alle Personen und Geschichten sind frei erfunden, bis auf die Geschichte vom Überfall auf den Supermarkt.  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Kostenlose Webseite von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!